
TKKG - Lasst die Profis aus dem Spiel
Folge 2500: "Rache ist süß!"
Inhalt
In der Englischstunde
Tim hat einen Verdacht
Seit drei Jahren
Zukunftsgedanken
Alarm im Adlernest
Die Spur wird heiß
Ein alter Bekannter
Ein geheimnisvoller Anruf
On the Road mit einem Old Buddy
In der Falle
Unverhofft kommt oft
Siegesfeier
Ein neuer Anfang
In der Englischstunde
"Sauerlich? Sauerlich!" Willi Sauerlich, auch Klößchen genannt, blickte auf und sah in zwei braue Augen, die ihn unentwegt anstarrten und hinter einer dicken Hornbrille verborgen waren. "Ja? Was gibt's denn?" murmelte Willi. "Das liegt ganz bei ihnen, Sauerlich!" Erst jetzt bemerkte Klößchen, dass er sich immer noch in der Englischstunde befand und offensichtlich eingenickt war. Es war ein schöner Juli Morgen, noch nicht zu warm, und die Klasse 9b der Internatsschule in der Millionenstadt langweilte sich in der Englischstunde von Oberstudienrat Dr. Ingelsheimer wieder einmal sprichwörtlich zu Tode. Die Stunde war sogar so langweilig, dass selbst der Klassenstreber Dietmar Strehlau lieber in seinem Südsee Bildband blätterte statt dem Unterrricht zu folgen. "Lesen Sie bitte den nächsten Abschnitt, Sauerlich!" sagte Ingelsheimer und runzelte die Stirn wie er es immer tat wenn er einen seiner Schüler dabei ertappte wie dieser seinem Unterricht nicht folgte. Tim, der neben Klößchen saß, deutete mit dem Finger auf dessen Zettel, damit dieser wusste, wo er anfangen musste. Klößchen las den Absatz und Ingelsheimer notierte sich dafür eine vorsichtige 3 in seinem Notizbuch wie Tim feststellte. "Glück gehabt", dachte Tim, der eigentlich Peter Carsten hieß, 14 Jahre alt und immer braun gebrannt wie aus dem letzten Afrika Urlaub war, "hätte er Willi jetzt eine 4 gegeben, hätte ich ihm schon was anderes erzählt. Aber eine 3 ist für Willi schon sehr gut, schließlich bekommt er sonst nur Fünfen"
Tim war außerdem 15-facher städtischer Karatemeister und wusste sich zu verteidigen. Angefangen hatte er mit Judo, doch dort waren ihm schnell die Gegner ausgegangen. Aufgrund seiner Erfolge in fast jeder Kampfsportart war er insbesondere den chinesischen Meistern bekannt, aber auch in anderen Ländern längst eine Legende. Auch die Italiener zum Beispiel schätzten ihn, inklusive der italienischen Mafia, die ihn bereits zweimal als Berufskiller anheuern wollte. Ehrensache, dass Tim das Angebot jedes Mal dankend abgelehnt hatte, denn er setzte seine Kampfsporterfahrung selbstredend nur zur Selbstverteidigung ein und nicht um anderen zu schaden.
"Strehlau, machen Sie weiter", hörte Tim Ingelsheimer sagen. Dietmar Strehlau las gelangweilt den nächsten und zum Glück auch letzten Absatz des Textes und bekam dafür immerhin noch eine knappe 2. "Na ja", dachte Tim, "viel besser als Willi war er nicht. Aber immerhin hat er keine 1 bekommen, das wäre ein wenig zuviel des Guten gewesen" Tim nahm sich vor, sich bei nächster Gelegenheit von Schuldirektor Dr. Freund Ingelsheimers Notenlisten zeigen zu lassen. Vertrauen war gut aber Kontrolle besser.
Die Pausenglocke ertönte und die Schüler stürmten hinaus auf den Pausenhof. Tim und Klößchen ließen sich Zeit, bei Tims Tempo wäre Klößchen auch nicht mitgekommen, wäre dieser ebenfalls gerannt. Auf dem Gang sahen sie Dietmar Strehlau an sich vorbei stampfen, der Richtung Hinterausgang ging. "Merkwürdig, findest Du nicht Willi?" meinte Tim, "was will der Strehlau auf dem Hinterhof? Das kommt mir sehr verdächtig vor!" "Mir nicht", grinste Klößchen, "vielleicht sucht er dort seltene Muscheln oder Seeigel. Der sammelt doch alles was im Meer schwimmt, hahaha!" "Mag sein, Willi, aber im Hinterhof wird er wohl kaum welche finden. Wir gehen der Sache mal nach. Los, komm mit!" "Och nö, muss das denn sein?", stöhnte sein dicker Freund, "Karl und Gaby warten doch bestimmt schon auf uns. Und ich habe heute noch gar keine Schokolade gegessen." Zusammen mit Karl und Gaby bildeten Tim und Klößchen eine verschworene Gemeinschaft, die TKKG Bande. Die Vier hatten unter Tim's Führung bereits einige Schurken hinter Schloß und Riegel gebracht, nicht zuletzt dank seiner Bärenkräfte, Karl's scharfem Verstand und Gabys Draht zur Polizei. Ihr Vater war Kommissar bei der Kripo und der väterliche Freund der TKKG Bande, auch wenn die Vier öfters mal schneller einen Fall lösten als die Polizei. Klößchen, einziger Sohn eines reichen Schokoladenfabrikanten mit einer grenzenlosen Leidenschaft für Schokolade, was man vor allem an seinem Bauchumfang sah, trug zur Lösung eines Falles meistens nicht allzu viel bei. Trotzdem war Klößchen ein starker Typ, auf den seine Freunde nicht verzichten wollten. Außerdem bekam er viel Taschengeld, so dass die TKKG Bande bisher noch nie in finanzielle Verlegenheit bei der Lösung eines Falls gekommen war.
Tim hat einen Verdacht
Tim und Klößchen standen auf dem Hinterhof und sahen Strehlau in einem der Nebengebäude verschwinden. Die beiden pirschten sich näher heran. Tim blickte hinauf und stellte fest, dass das Gebäude nicht sonderlich hoch war. Er gab Klößchen ein Zeichen, dass dieser sich im naheliegenden Gebüsch verstecken solle. Willi verstand seinen Freund erst nicht ganz und verspeiste stattdessen lieber die zweite Vollmilch-Nougat Schokoladentafel. Nachdem Tim allerdings dreimal nacheinander energisch mit dem Zeigefinger auf das Gebüsch gedeutet hatte fiel auch bei ihm der Groschen. Man hörte einige Zweige knacken, die unter seinem Gewicht teilweise zusammenbrachen, doch schließlich war das dicke TKKG Mitglied zwischen den Büschen untergetaucht. "Gut so", dachte Tim und machte sich daran, die Wand zu erklimmen, was für ihn als erfahrenen Kletterer kein großes Problem darstellte. Kaum war er oben auf dem Dach angelangt, als er plötzlich ein eigenartiges Geräusch hörte. Das Geräusch wurde immer lauter und hörte sich wie eine Art Rauschen an, bis es genauso plötzlich wieder verstummte Der TKKG Häuptling war sich sicher, dieses Geräusch schon früher einmal irgendwo gehört zu haben, konnte es aber in diesem Moment nicht so recht einordnen. Nun war das Knarren einer Tür zu hören und Sekunden später erschien Strehlau auf der Bildfläche. Tim verlor keine Zeit, setzte zu einem Hechtsprung an, sprang ab und landete genau auf Strehlau. Dieser schrie auf vor Überraschung und Schreck, versuchte das Weite zu suchen, wurde jedoch von Tim am Arm gepackt. Klößchen war inzwischen herbei geeilt und keuchte vor Erschöpfung. Schließlich war das Gebüsch gute zwei Meter weit von der Tür entfernt.
"Was - was willst Du vor mir?" stotterte Strehlau, der sichtlich Angst hatte. "Sag Du mir lieber was Du hier im Hinterhof verloren hast!" entgegnete Tim mit scharfer Stimme, "Na, raus mit der Sprache!" "Aber, ich..." fing Strehlau an. "Keine faulen Ausreden! Sag uns die Wahrheit und Du kommst vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davon!" "Nein, bitte, alles nur kein blaues Auge!", jaulte Strehlau, "Ich, ich musste doch nur zur Toilette!" Für einen Augenblick verschlug es Tim die Sprache. Hielt Strehlau ihn wirklich für so dumm? "Die Toiletten sind im Westflügel, Strehlau. Folglich stimmt Deine Geschichte nicht! Ich muss Dich also leider..."
"Nein, Nein! Die Toiletten haben sie doch hierher verlagert!" Tim runzelte die Stirn. Langsam kam etwas Licht in die Sache. Er packte Strehlau am Kragen und schüttelte ihn. "Wer hat die Toiletten verlagert? Wen versuchst Du zu decken? Raus damit!" "Ähm... Tim?", mischte sich Klößchen ein. "Ruhe Willi, ich regle das schon!" "Aber Tim, die Toiletten wurden von der Schulleitung kurzfristig hierher verlagert, weil doch der Westflügel neu gestrichen wird." Tim war verblüfft. Das hatte er tatsächlich vergessen. Trotzdem konnte mit Strehlau irgend etwas nicht stimmen, denn warum zitterte er sonst am ganzen Leib und hatte vor ihm Angst? Er musterte Strehlau mit eindringlichem Blick und dieser sah aus, als würde er sich im nächsten Moment in die Hosen machen obwohl er gerade erst auf der Toilette war. "Gibt es noch etwas, das Du uns sagen möchtest?" fragte Tim streng. "Nein, nichts, bestimmt nicht!" Strehlau wurde jetzt kreidebleich im Gesicht und im nächsten Moment rannte er los und verschwand im Schulgebäude. "Irgendetwas Faules geht hier vor, Willi. Das fühle ich." meinte Tim zu Klößchen. "Vor wem oder was hat Strehlau so große Angst? Da muss was dahinter stecken."
*
Karl und Gaby, die man wegen ihrer Liebe zu Tieren auch Pfote nannte, standen im Schatten unter der großen Eiche auf dem Pausenhof und warteten auf ihre Freunde. Gabys blondes Haar glänzte und blinkte so hell im Sonnenlicht, dass es sogar Karl auffiel. Doch er hütete sich, ihr ein Kompliment zu machen. Schließlich wollte er seine TKKG Freundin nicht in Verlegenheit bringen. Außerdem war Gaby mit Tim zusammen und dieser konnte fuchsteufelswild werden wenn es um Gaby ging. Tim und Klößchen kamen um die Ecke. "Wo bist Du so lange gewesen, mein Schatz?" fragte Gaby und gab ihrem Tim einen Begrüßungsbussi, den er sogleich erwiderte. "Tut mir leid, meine Prinzessin, aber wir wurden aufgehalten!", entschuldigte sich Tim. Jetzt wo die TKKG Bande vollzählig versammelt war konnte Gaby endlich mit ihrer großen Neuigkeit heraus rücken. "Stellt Euch vor, mein Papi wurde in ein neues Dezernat versetzt!" "Wirklich? In welches denn?" fragte Karl, den man auch den Computer nannte aufgrund seines phänomenalen Gedächtnisses. "Wenn ich mich recht erinnere wurde er doch erst vergangenen Herbst ins Drogendezernat versetzt, damals als Tim diesen gefährlichen Haschischring aus Neuseeland auffliegen lassen hat." "Das stimmt schon", entgegnete Gaby, "aber es gibt jetzt ein neues Dezernat für Kriminalität an Schulen. Die Leute dort kümmern sich speziell um straffällig gewordene Schüler oder solche, die drohen in die Kriminalität abzurutschen. Mein Papi ist nun Leiter dieses Dezernats geworden." "Kriminalität an Schulen? Da fällt mir doch glatt wieder der Strehlau ein!" sagte Tim. Karl stutzte. "Strehlau? Dietmar Strehlau? Aber der steht doch in allen Fächern auf 1. Na ja, außer beim Ingelheimer, da steht er nur auf 2" "Das mag sein", entgegnete Tim, "aber Willi und ich haben ihn eben im Hinterhof erwischt. Angeblich wollte er nur zur Toilette. Aber ich denke, da steckt mehr dahinter. Vor irgendetwas oder irgendwem hat Strehlau große Angst. Er ist einfach weggelaufen als ich ihn gefragt habe" "Eigentlich ist Strehlau ganz in Ordnung", warf Karl ein, "sein Vater ist Dozent an der Uni, mein Vater kennt ihn. Seine Mutter arbeitet bei der Spedition Kampholz & Co. in der Buchhaltung. Also sein Umfeld ist völlig normal, nicht gerade das eines Schwerverbrechers" "Genau das kommt mir ja so verdächtig vor", sagte Tim, "der Typ scheint eine saubere Weste zu haben, trotzdem benimmt er sich so merkwürdig. Ich schlage vor, wir gehen nach der Schule mal zu Kommissar Glockner und erkundigen uns, ob Strehlau früher schon einmal aktenkundig geworden ist" "Eine gute Idee", fand Gaby, "bei der Gelegenheit können wir Papi gleich zu seiner Beförderung gratulieren" "Müssen wir ihm da auch Blumen mitbringen?" fragte Klößchen mit einem Grinsen im Gesicht. "Willi! Dass Du aber auch nicht einmal ernsthaft bleiben kannst!" tadelte ihn Tim. In diesem Moment läutete die Pausenglocke und die TKKG Freunde begaben sich pünktlich zurück in den Unterricht.
Seit drei Jahren
Er starrte an die Decke. Bestimmt schon zum 50. Mal an diesem Tag. Es war um die Mittagszeit doch noch sehr heiß geworden, doch dort wo er saß gab es keine Klimaanlage. Nicht in Zelle 26 im Block D2 der städtischen Strafvollzugsanstalt, in der Erich Kaupal seit fast drei Jahren einsaß. Drei Jahre, das war eine lange Zeit. Drei Jahre seit jenem Zwischenfall, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Er könnte jetzt zu Hause im Garten sitzen. Oder mit Freunden Poker spielen. Oder einen ausgedehnten Urlaub auf den Seychellen (Inselgruppe im Indischen Ozean) verbringen. Stattdessen konnte er nur da sitzen und die Zeit totschlagen. Diese Gedanken gingen Kaupal bereits den ganzen Tag durch den Kopf. Doch morgen, morgen würde alles anders sein. Dann sollte er entlassen werden. Kaupal freute sich schon darauf. Sein Bruder Dirk würde ihn abholen, bei ihm konnte er erst einmal für die nächste Zeit unterkommen. Und sein Anwalt Uwe Kampholz hatte ihm eine Stelle in der Spedition von Kampholz' Bruder beschafft. Doch das alles interessierte Kaupal im Moment nur sekundär (nebensächlich). Er wollte vor Allem eins, nämlich denjenigen zur Rechenschaft ziehen, der ihm dies alles eingebrockt hatte. Den Knast, das schlechte Essen dort, mürrische Wärter, Arbeit in der Wäscherei, nur zwei Duschen auf dem Gang und all dies. Kaupal erinnerte sich zurück wie alles angefangen hatte. Damals an diesen schwülen Spätfrühlingsabend, als er mit zwei Müllsäcken die Wohnung verließ und zu den Müllcontainern neben dem Haus ging. Er hatte den "Grüner Punkt" Müll ordnungsgemäß in den gelben Container entsorgt und wollte nun das Papier in den blauen Container verfrachten. Doch der blaue Container war bereits voll. Die alte Frau Bratsch aus der Wohnung gegenüber hatte wieder einmal tonnenweise Zeitungspapier hinein gestopft. Mit dem was sie in der Woche für Zeitungen ausgab hätte man einen ganzen Zeitungsverlag kaufen können. Kaupal hatte kurz überlegt und dann beschlossen, das Papier in den schwarzen Container für normalen Müll zu entsorgen, so wie es eigentlich jeder im Haus machte wenn der Papiercontainer wieder einmal voll war. Doch gerade als er den Deckel anheben wollte war dieser Bengel mit seinem Rennrad auf der anderen Straßenseite aufgetaucht. Seine blonde Freundin und noch so einen dürren Kerl mit Nickelbrille hatte er dabei gehabt. Kaupal hatte die Drei zunächst gar nicht beachtet, schließlich kamen dort öfters Leute vorbei. Doch dann war dieser Typ mit dem Rennrad, der wie Kaupal später erfuhr Peter Carsten hieß, obwohl seine Freunde ihn Tim nannten, auf ihn zugekommen und hatte ihn gefragt, was er denn dort täte. Kaupa hatte ihm erklärt, dass er seinen Müll entsorgen wolle und den Sack mit dem Papier in den schwarzen Container geworfen. Dann wollte er wieder gehen, doch dieser Tim kam über das Gartentor gesprungen, hatte ihn von hinten gepackt und mit einem Judowurf zu Boden geworfen. Was ihm einfiele, das Papier nicht in den blauen Container zu werfen, hatte Tim gefragt. Und ihm vorgeworfen, er würde so die Umwelt verschmutzen. Von armen Kindern, die gar kein Papier hätten und um jedes Blatt betteln müssten, hatte dieser Typ gesprochen. Irgendwann war es Kaupal zu bunt geworden und er war auf die Straße gegangen weil er ohnehin noch einkaufen gehen wollte. Doch auf halbem Weg zum Supermarkt war er plötzlich von vier Streifenwagen und einigen Hundertschaften der Polizei umzingelt worden. Dem ermittelnden Beamten, einem Kommissar Glockner, der wie Kaupal später erfahren sollte der Vater der Freundin von diesem Tim war, hatte Kaupal versucht die Sache zu erklären. Doch der Kommissar hatte ihm nicht geglaubt, dass er ohne böse Absicht gehandelt hatte. Zumal dieser Tim ausgesagt hatte, Kaupal hätte sich seiner Bestrafung durch Flucht zu entziehen versucht. Vor Gericht hatte Kampholz dann versucht, für seinen Mandanten eine Geldsstrafe herauszuschlagen. Doch die Staatsanwaltschaft hatte sich darauf nicht eingelassen und eine Haftstrafe wegen schwerer Umweltverschmutzung durch mutmaßliche Normalmüll-Vergiftung mit normalmüllfremdlichen Substanzen, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Missachtung der städtischen Müllverordnung gefordert. Kampholz hatte auch versucht, diesen Peter Carsten wegen übler Nachrede und Körperverletzung vor Gericht zu bringen, doch Glockner hatte es abgelehnt, überhaupt Ermittlungen gegen Carsten einzuleiten. "Tim ist über jeden Zweifel erhaben", hörte Kaupal heute noch den Kommissar vor seinem geistigen Auge sagen. "Das werden wir ja sehen, Glockner", murmelte Kaupal in seiner Zelle vor sich hin, "das waren wir ja sehen..."
*
"Herr Glockner, sind Sie sicher?" Glockner zuckte mit den Schultern. "Tut mir leid, Tim. Aber ich finde hier im Vorstrafenregister keinen einzigen Eintrag über Dietmar Strehlau oder irgendjemanden aus seiner Familie in den letzen 30 Jahren" Tim überlegte. "Hm, und was ist mit den letzen 40 Jahren? Vielleicht hat sein Urgroßvater Dreck am Stecken?" "Tim, das bringt doch nichts", warf Karl ein, "sein Urgroßvater ist vor genau 25 Jahren, drei Monaten, zwei Tagen und 11 Stunden gestorben. Und Dietmar Strehlau war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren" "Gut, Karl", sah Tim ein, "ich gebe es zwar ungern zu aber Du hast wohl recht. Tja, Freunde, sieht so aus, als wären wieder einmal in einer Sackgasse angelangt. Aber keine Angst, ich bringe uns da schon wieder raus!" "Warum geht ihr nicht ein Eis essen", schlug Glockner vor, "da drüben in der Sonnenscheinallee hat eine neue Eisdiele eröffnet. Lasst es Euch schmecken und vergesst diesen Strehlau mal für einige Zeit. Er ist doch nur ein einfacher Schüler so wie ihr" "Gute Idee, Herr Kommissar", sagte Klößchen, "ich glaube ich werde einen extragroßen Schokobecher mit Vanillesauce nehmen. Da fällt mir ein, ich muss mich unbedingt mit neuer Traube-Nuß Schokolade eindecken. Davon habe ich nur noch 10 Tafeln bei mir" Tim lachte auf. "Ach Willi, Du und Deine Schokolade. Mit Dir wird es aber auch nie langweilig. Hey, Oskar, wach auf! Wir gehen!" Oskar, Gabys schwarz-weißer Cockerspaniel, kam unter dem Schreibtisch hervor und wedelte mit dem Schwanz. "Der hat's gut", meinte Klößchen, "er muss sich nicht um Strehlau und irgendwelche Straftaten kümmern. Ach, ein Hund müsste man sein" "Ich kann Dich ja auch an die Leine nehmen", schlug Gaby vor, "dann bekämst Du auch endlich mal mehr Bewegung und würdest abnehmen." "Versuch's doch", entgegnete Klößchen boshaft grinsend, "ich beiße einfach die Leine durch als wäre es eine Tafel Zartbitter Schokolade, hahaha!" "Sehr witzig, Willi, aber wir wollen nun los", drängte Tim. Die TKKG Freunde verabschiedeten sich von Kommissar Glockner und verließen das Polizeipräsidium. Auf ihnen Drahteseln radelten sie die Straße hinunter in Richtung Sonnenscheinallee.
Zukunftsgedanken
"Ist schon gut, Frau Strehlau. Ich brauche Sie heute nicht mehr. Gehen Sie ruhig nach Hause" "Vielen Dank, Chef. Sie tun mir wirklich einen großen Gefallen damit" "Ja, schon gut, keine Ursache" Renate Strehlau lächelte ihren Chef Bernd Kampholz an, der leicht errötete, sich dann aber wieder seinen Papieren zuwandte. Dann ging sie zurück in ihr Büro um ihre Tasche zu holen. "Sie sehen nicht gerade gut aus. Ist was passiert?" fragte ihr neuer Kollege, die mit ihr seit heute das Büro teilte. "Das kann man wohl sagen, Herr Kaupal", seufzte Renate Strehlau, "stellen Sie sich vor: Heute morgen hat sich mein Sohn Dietmar geweigert, in die Schule zu gehen. Er sagt, so ein großer Kerl namens Peter Larsen... oder war der Name Carsten... würde ihn bedrohen. "Carsten? Peter Carsten?" Kaupal war wie elektrisiert. "Ja, ich glaube so heißt er. Kennen Sie ihn etwa?" "Ähm, nur so flüchtig", sagte Kaupal schnell. "Also ich muss jetzt gehen und mit Dietmar reden. Bis morgen!", verabschiedete sich Renate Strehlau. Kaupal murmelte so etwas wie "Auf Wiedersehen" und nachdem seine Kollegin gegangen war lehnte er sich gemütlich in seinem Stuhl zurück. Das klappte ja besser als er gedacht hatte. Kaupal hatte sich schon zig Möglichkeiten ausgedacht, diesen Peter Carsten aufzuspüren und jetzt lieferte ihm Renate Strehlau den Burschen quasi auf einem Silbertablett. Er musste nur noch herausfinden auf welche Schule ihr Sohn ging und das würde ihm Renate sicher sagen. Und dann hatte er ihn endlich, diesen Peter Carsten, Tim, oder wie auch immer. Kaupals Handy klingelte. Er sah auf das Display, das war sein Freund Richie. Grinsend nahm Kaupal ab. Jetzt konnte sein Plan richtig los gehen.
*
Karl saß in seinem Zimmer am Schreibtisch und las das vierte Kapitel von "Einsteins erweiterte Relativitätstheorie" Doch schließlich lies er sein Buch sinken und begann angestrengt nachzudenken. Er ließ den heutigen Abend Revue passieren. Es war nett gewesen mit seinen Freunden in der Eisdiele. Klößchen hatte drei Riesen Schokobecher verdrückt, während sich Tim und Gaby zwei Kugeln Diäteis geteilt hatten. Karl selbst hatte eine Cola getrunken und einen Joghurtbecher gegessen, denn Joghurt erhöht bekanntlich das Denkvermögen. Ja, es war ein schöner Abend gewesen, und doch war Karl nicht ganz zufrieden mit sich und der Welt. So begann er wie immer öfters in der letzten Zeit, über sein Leben nachzudenken. Ist es wirklich das was ich will, fragte sich immer wieder. Soll es immer so weitergehen? Karl dachte an seine Freunde, die TKKG-Bande. War TKKG wirklich das was er wollte? Karl konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem er Tim und Willi kennen gelernt hatte. Er hatte gerade den Buchladen verlassen, als die beiden auf ihren Drahteseln um die Ecke geradelt kamen. Tim hatte Willi kurz zuvor vor zwei bösen Punkern gerettet, die ihm seinen Schokoladenkarton geklaut hatten. Zwar konnte Tim die Gangster unschädlich machen, doch drohte Klößchen mangels Schokolade zu verhungern, so dass schnelle Hilfe nötig war. Karl zeichnete Tim also aus dem Gedächtnis einen exakten Stadtplan bis zum nächsten Süßwarengeschäft, was diesen sichtlich beeindruckte. Karl dachte weiter daran, wie Tim, damals noch Tarzan geheißen, ihn einige Tage später in der Pause angesprochen hatte. Tim hatte vor, zusammen mit Willi und einem Mädchen aus der 9b, Gaby Glockner, eine Detektivbande zu gründen und suchte dafür noch einen vierten Mann. Karl war schon immer von Kriminalistik fasziniert gewesen, schon als kleines Kind wollte er immer Polizist werden. Doch nach dem Willen seiner Eltern sollte er später studieren und in die Fußstapfen seines Vaters, der Professor an der Uni war, treten. Außerdem war da noch Gaby. Auf sie hatte Karl schon lange ein Auge geworfen und der Gedanke, von nun an jeden Tag mit ihr zusammen sein zu können war zu verlockend. Karl erinnerte sich mit welchem Enthusiasmus (Begeisterung) er zunächst bei TKKG angefangen hatte. Doch bald stellte er fest, dass er sich zuviel erwartet hatte. Gaby machte ihm schnell klar, dass sie ihn zwar nett fand, jedoch eher auf muskulöse und braungebrannte Kerle als auf Intellektuelle mit Brille stehe. Das hatte Karl ohne Widerrede akzeptiert. Auch dass Tim die meiste Aufmerksamkeit bekam, wenn sie wieder einmal einen Fall gelöst hatten, störte ihn zunächst nicht. Die Anerkennung, die er von seinen Freunden bekam, war ihm Belohnung genug. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr. Die Zeitungen waren stets voll von Lobeshymnen über Peter Carsten und seine TKKG Freunde, ständig war nur sein Bild in der Zeitung. Wenn überhaupt dann manchmal noch das von Gaby, da sie sich gut auf der Titelseite machte. Karl wurde in den Berichten nie erwähnt. Höchstens mal Klößchen, wenn dieser wieder einmal eine dumme Bemerkung gemacht hatte. Keiner wusste, dass es Karl gewesen war, der damals ganz allein den Rettungsplan ausgearbeitet hatte, als Gaby von den chinesischen Triaden entführt worden war. Tim hatte seinerzeit Lob und Anerkennung sogar von höchster Ebene bekommen, da er sie ja ganz allein befreit hatte und die Befreiungsaktion ging unter dem Namen "Todesgruß vom gelben Drachen" in die Geschichtsbücher ein. Oder damals, als es um diesen blinden Hellseher ging. Karl hatte von Anfang an den Verdacht gehabt, dass ihr Mitschüler Volker Krause alle an der Nase herumgeführt und sich selbst entführt hatte. Aber Nein, Tim bestand ja darauf, den Hellseher Raimondo und diesen italienischen Restaurantbesitzer Frasketti aufs Korn zu nehmen. "Karl, wenn ich fest von etwas überzeugt bin, dann irre ich mich auch nicht!" hatte Tim einmal gesagt. Und wenn sich Tim doch einmal irrte, hielt meistens Kommissar Glockner seine schützende Hand über ihn. Wie im letzten Jahr, als Gabys Großtante Klothilde angeblich von einem mysteriösen Unbekannten im Nadelstreifenanzug bedroht wurde. Tim hatte den Typen im Treppenhaus zusammengeschlagen, als dieser gerade offensichtlich dabei war, in Klothildes Wohnung einzubrechen. Zumindest dachte Tim das. Später stellte sich heraus, dass der Typ Gerichtsvollzieher war und die saubere Klothilde der Staatsregierung 150.000€ an Steuernachzahlungen aus dubiosen Immobiliengeschäften schuldete. Auf Karl hatte ja niemand gehört, als dieser auf die entsprechenden Belege aufmerksam machte, die er zufällig in Klothildes Nachtschränkchen gefunden hatte. "Fälschungen, alles Fälschungen!" hatte Tim gesagt. "Karl, diese Frau ist unschuldig, denn sie ist mir sympathisch. Da ist eine ganz üble Verschwörung im Gange!" Und Karl hatte ihm sogar noch geglaubt. Als sich schließlich herausstellte, dass Karl recht behalten hatte und nicht Tim hatte Glockner alle Mühe gehabt, den Fall aus der Presse herauszuhalten. Denn man wollte das Image des bekanntesten Helden der Millionenstadt nicht schmälern. Ansonsten hätten sicher einige Gangster Lunte gerochen und auf eine günstige Gelegenheit gewartet, TKKG eins auszuwischen.
Gaby hatte Karl gebeten, zu niemandem ein Wort über die Sache zu verlieren. Er hatte es ihr zuliebe versprochen, doch inzwischen bereute er es, sich daran gehalten zu haben. Hätte er geredet, wäre von Tims Heldenmythos sicher nicht viel übrig geblieben und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hätte sich vielleicht endlich auf denjenigen konzentriert, der seit Jahren die meiste Drecksarbeit bei TKKG verrichtete. Karl dachte an sein großes Vorbild, den Detektiv Bob Andrews von den Drei Fragezeichen. Die Drei Fragezeichen waren auch ein Detektiv Team, allerdings lösten sie ihre Fälle in Rocky Beach, Kalifornien. Im sonnigen Kalifornien, da wäre er jetzt auch gerne, dachte sich Karl. Und noch etwas hatte ihm Bob Andrews voraus. Auch wenn er bei den Drei Fragezeichen für Recherchen und Archiv zuständig war und daher die meiste Zeit in der Bibliothek oder im Internet verbrachte, so war er doch im Gegensatz zu Karl ein vollwertiges Teammitglied und sein Anführer Justus Jonas wäre nie auf die Idee gekommen, Bob so herablassend zu behandeln, wie es Tim oft mit Karl tat. "Nein, Karl, da irrst Du Dich!" "Aber Karl, das kannst Du doch nicht sagen!" "Karl, gib mir mal Dein Handy, ich muss Gaby anrufen. Bereite Du schon mal zusammen mit Willi meine... ich meine unsere Siegesfeier vor."
Karl schaute aus dem Fenster. Draußen wurde es bereits hell und die ersten Vögel begannen zu zwitschern. Es versprach, ein schöner Sommertag zu werden. Karl putzte seine Brille am T-Shirt ab, legte seinen Kopf in die Hände und stöhnte leise auf. "Ich habe es statt", hörte er sich flüstern, "ich habe es einfach statt!"
Alarm im Adlernest
Tim öffnete seinen Schrank legte den Karate Anzug sauber gefaltet hinein. Es war Nachmittag geworden und im "Adlernest", wie ihre Bude im Internat hieß, ließen er und Klößchen es ruhig angehen. Klößchen flegelte sich auf seinem Bett und verputzte gerade eine Tafel Trüffel-Nougat Schokolade. "Also eins verstehe ich nicht, Tim", meinte Klößchen. "Was denn, Willi?" "Na ja, wie kommt die Mutter von Dietmar Strehlau darauf, ausgerechnet Du würdest ihren Sohn bedrohen?" "Tja, Willi, die Welt ist voller Mysterien (Geheimnisse)", bemerkte Tim, "ich kann mir das auch nicht wirklich erklären. Aber zum Glück hat Dr. Freund ihr ja unmissverständlich klar gemacht, dass ich über jeden Zweifel erhaben bin. Nein, da muss mehr dahinter stecken. Irgendwen versucht Strehlau zu decken. Aber wen?" "Ist mir eigentlich völlig gleichgültig", gähnte Klößchen, "ich finde, wir sollten ihn einfach in Ruhe lassen. Dann wird seine Alte auch nicht mehr auf die Idee kommen, Dich zu verdächtigen." Tim stöhnte auf. "Mensch Willi, merkst Du nicht, dass hier irgendwas im Busch ist?" "Hä? Was denn für'n Busch? Ich verstehe wieder nur Bahnhof!" "Na ja, das wundert mich nicht", spottete Tim, "das ist schließlich Deine vierte Tafel Trüffel-Nougat heute. Die Trüffel werden wohl Deine Gehirnzellen blockieren, falls Du denn welche haben solltest. Nein, irgendetwas geht hier vor. Ich weiß nicht wer oder was dahinter steckt, aber ich glaube, es wird bald etwas passieren."
*
Es war erstaunlich früh dunkel geworden. Aber das konnte ihnen nur recht sein. Richie Lehmann steuerte den grauen Lieferwagen durch die Zubringerstraße und parkte ihn schließlich in einer Auffahrt hinter einigen Holundersträuchern. Hier würde den Wagen sicher niemand entdecken. Er und sein Freund Erich Kaupal stiegen aus, holten ihre Rucksäcke aus dem Fond und deckten danach den Lieferwagen sicherheitshalber noch mit einem Tarnnetz ab, das Richie damals bei der Bundeswehr hatte mitgehen lassen. Schon seit Kindstagen kannten sich die beiden. Sie hatten damals zusammen im Sandkasten gespielt, so manche Streiche ausgeheckt und waren auch zusammen zur Schule gegangen. Richie war wie Kaupal 38 Jahre alt, hatte lange, blonde Haare und einen gepflegten Schurrbart. Er war Kettenraucher und seit einigen Wochen wieder mal arbeitslos.
Beide schlichen die Auffahrt entlang bis sie an einen kleinen Feldweg kamen, der wie Richie in Erfahrung gebracht hatte direkt zur Hinterseite der Internatsschule führte, wo die Zimmer der Schüler untergebracht waren, die dort wohnten. Heute Nachmittag hatte Kaupal in der Spedition Renate Strehlau ausgequetscht und einiges von ihr erfahren. Himmel, war Renate sauer gewesen, dass dieser Direktor Dr. Freund nichts gegen diesen Tim unternehmen wollte, der ihren Sohn bedroht hatte. "Tim ist über jeden Zweifel erhaben", hatte Freund ihr gesagt. Kaupal kam das alles sehr bekannt vor. Renate hatte auch erzählt, dass Tim zusammen mit seinem Freund Willi Sauerlich, den alle Klößchen nannten, die Bude "Adlernest" bewohnte. Klößchen, das musste dieser Fette sein, der ebenfalls zu Tims Freunden gehörte. Kaupal hatte ihn nur kurz bei der Gerichtsverhandlung im Zuschauerraum gesehen, da dieser Willi ja bei eben jenem Vorfall nicht dabei gewesen war. Aus der Zeitung wusste Kaupal aber, dass dessen Vater der millionenschwere Schokoladenfabrikant Hermann Sauerlich war, und genau hier wollten Richie und er ansetzen.
Beide Männer standen nun vor einer hohen Mauer, doch die stellte für sie kein großes Problem dar. Schließlich hatten sie bei der Bundeswehr zusammen eine Spezialausbildung zum Einzelkämpfer genossen, die ihnen jetzt sehr zugute kam. Locker warfen sie ihre Fanghaken über die Mauer und hörten zufrieden zu, wie diese spürbar einrasteten. An den Seilen hangelten sie sich Schritt vor Schritt hoch und sprangen schließlich vom Mauersims ab. In ihrer nachtschwarzen Kleidung und den übergestreiften Strumpfmützen konnte sie niemand sehen. Die Männer robbten sich durch die Büsche Stück für Stück auf das Gebäude zu, bis sie zum Fahrradkeller gelangten. Richie hatte sich den Bauplan der Internatsschule besorgt und festgestellt, dass sich das "Adlernest" genau zwei Stockwerke über dem Fahrradkeller befand. Dort oben hochzukommen war ein Kinderspiel, da die Mauer überall mit Efeu überwuchert war. Mit einer Strickleiter oder gar einem einfachen Nylon Seil konnte man locker bis zum Fenster des "Adlernest" gelangen und sich anschließend wieder abseilen.
Richie machte eine Räuberleiter, damit Kaupal auf das Dach des Fahrradkellers gelangen konnte. Dort angekommen holte der die Strickleiter aus seinem Rucksack, befestigte diese zwischen einigen Efeuranken und kletterte behände an der Mauer hoch. Oben am Fenster angelangt kauerte sich Kaupal in gebückter Haltung auf den Fenstersims und gab Richie, der unten Wache stand, ein Zeichen, dass alles in Ordnung war. Vorsichtig schaute Kaupal durch das Fenster. Es war bereits dunkel im Zimmer, doch eine kleine Lampe brannte noch. Im Lichtkegel sah er im oberen Bett Tim liegen, der ein Buch las. Im Hintergrund war ein Schnarrchen zu hören, das musste dieser Willi Sauerlich sein. "Perfekt!", dachte Kaupal. Wieder gab er Richie ein Zeichen und dieser wusste sofort Bescheid. Richie holte sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des EvD (Erzieher vom Dienst). Dr. Klaus Beinlich, Lehrer für Kunst und Geschichte in der 9b, meldete sich. Von Renate Strehlau wusste Kaupal, dass Beinlich nicht besonders helle war und so ziemlich alles glaubte, was man ihm erzählte. Für ihren Plan war Beinlich daher genau der Richtige. Richie räusperte sich und sprach dann mit verstellter Stimme in sein Handy: "Guten Abend, Herr Doktor Beinlich. Mein Name ist Manfred Lügener vom Millionenstädter Kurier. Ich hätte gerne ihren Schüler Peter Carsten wegen eines Interviews gesprochen ... Ja, wegen dieser Sache mit dem neuseeländischen Haschischring im letzten Jahr... Ja, Danke ich warte..." Grinsend bemerkte Richie, wie Beinlich den Hörer neben die Gabel legte und los ging, um Tim zu holen. Er signalisierte seinem Freund Erich, dass Beinlich auf dem Weg ins "Adlernest" sei. Einige Minuten später sah Kaupal von oben aus, wie die Tür aufging, Beinlich eintrat und kurz mit Tim sprach. Dieser klappte sein Buch zusammen, sprang vom Bett und folgte Beinlich auf den Gang. "Na bitte, läuft doch wie geschmiert", dachte Kaupal. Jetzt kam der eigentlich schwierige und gefährliche Teil. Mit einer Drahtschlaufe und seinem Armee Messer versuchte Kaupal das Fenster zu öffnen. Zunächst klemmte es. Doch als er gerade schon den Glasschneider aus dem Rucksack holen wollte, den er sicherheitshalber mitgenommen hatte, gab es mit einem Mal doch nach. Kaupal atmete erleichtert auf. Vorsichtig kletterte er ins Innere, knipste seine Stablampe an und sah sich um. Er suchte etwas ganz bestimmtes. Wenn bloß dieser Dicke nicht aufwachte. Doch der schien einen tiefen Schlaf zu haben. Kaupal ließ seine Augen durch den Raum schweifen, irgendwo musste er doch sein. Dann plötzlich entdeckte er ihn, oben auf einem der Schränke. Er beleuchtete den Karton mit seiner Stablampe. "Sauerlich Schokolade" stand darauf. Das musste er sein! Kaupal schlich sich zu dem Schrank und wäre beinahe über einige schokoladenverschmierten Kleidungsstücke gestolpert, die achtlos auf dem Boden verstreut lagen. "Die heutige Jugend hat aber auch keinen Sinn für Ordnung mehr", dachte Kaupal bei sich. Vorsichtig nahm er den Karton von Schrank, klemmte seine Stablampe zwischen die Zähne, öffnete ihn und leuchtete hinein. Im Schein der Lampe erkannte er, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Dies war der Schokoladenvorrat von diesem Sauerlich! Kaupal und Richie hatten sich gleich gedacht, dass jemand, der so dick und verfressen wie Sauerlich war, mit Sicherheit einen Vorrat an Schokoladenprodukten seines Vaters hortete. Kaupal schnappte sich den Karton und schlich sich zurück in Richtung Fenster, als er plötzlich stolperte und das Gleichgewicht verlor. Er war über einen Schuh gefallen, der dort im Weg lag. Schmerzverzehrt richtete er sich wieder auf, als er mit einem Mal eine Stimme hörte. "Tim, bist Du es?", murmelte Klößchen schlaftrunken. Im nächsten Moment ging das Licht an. In Panik rannte Kaupal zum Fenster, kletterte über die Strickleiter nach unten und sprang vom Dach des Farradkellers ab. Er kümmerte sich gar nicht mehr um die Strickleiter sondern ließ sie einfach hängen. Richie und Kaupal rannten zur Mauer, schwangen sich mit ihren Fanghaken darüber und fuhren schließlich in ihrem Lieferwagen davon. Es hatte geklappt! Zwar nicht ganz so wie es sich die beiden vorgestellt hatten, aber immerhin, sie hatten den Schokoladenkarton. Richie brachte Kaupal nach Hause und die beiden Männer gingen schlafen. Schließlich hatten sie morgen noch viel vor.
*
Tim war ratlos. Das kam selten vor, aber diesmal war er wirklich ratlos. Vor einigen Minuten hatte ihn Dr. Beinlich ans Telefon in der Besenkammer geholt, da ein Reporter vom Millionenstädter Kurier ein Interview mit ihm führen wollte. Tim war Interviews gewohnt, manchmal riefen gleich drei Reporter an einem Tag gleichzeitig an. Doch dieser Manfred Lügener war ein seltsamer Typ. Mitten im Gespräch hatte er einfach aufgelegt. Nun stand Tim im Gang und ging noch kurz zur Toilette. Er hatte gerade die Klospülung betätigt und wollte sich die Hände waschen, als er plötzlich einen markerschütternden Schrei hörte. Tim schreckte auf. Der Schrei kam aus Richtung "Adlernest"! War Willi etwa wieder aus dem Bett gefallen? Der TKKG Häuptling nahm die Beine in die Hand, rannte zu ihrer Bude und riss die Tür auf. Drinnen bot sich ihm ein Bild des Schreckens. Alle Schränke und Schubladen waren aufgerissen und deren Inhalte lagen auf dem Boden verteilt. Und inmitten dieses Chaos saß Willi und heulte bitterlich. "Willi! Was ist passiert?", rief Tim. "Tim, ein Kapitalverbrechen wurde verübt. Schlimmer als Mord und Totschlag zusammen!", jammerte sein dicker Freund. "Mord und Totschlag zusammen geht nicht, Willi", belehrte ihn Tim, "aber jetzt sag mir endlich was passiert ist!" "Er ist weg, er ist einfach weg!", schluchzte Klößchen, "er ist weg!" "Wer denn, zum Teufel?" "Mein- mein- mein- Schokoladenvorrat!" "Dein Schokoladenvorrat?" Tim haute es aus den Socken. "Bist Du sicher, dass ihn nicht wieder irgendein Witzbold aufs Klo gestellt hat?" "Da habe ich doch längst nachgesehen", wimmerte Klößchen, "und auch überall sonst. Man hat mich bestohlen!" "Hast Du denn den oder die Täter gesehen?", fragte ihn Tim. "Ich habe nur gehört, wie irgendjemand gestolpert ist. Ich dachte erst, das wärst Du. Doch als ich dann das Licht eingeschaltet habe sah ich wie jemand durch das Fenster geflüchtet ist" Tim war wie elektrisiert. "Du hast jemanden flüchten sehen? Und das erzählst Du mir erst jetzt?" "Aber meine Schokolade...", fing Klößchen an. Doch Tim beachtete ihn nicht sondern spurtete zum Fenster und sah hinaus. Unten war niemand zu sehen und es war inzwischen stockfinster geworden. Gerade als Tim das Fenster schließen wollte, fiel sein Blick auf die Strickleiter "Sieh an, was haben wir denn da?", rief er überrascht aus. Tim holte die Strickleiter hinein und hielt sie triumphierend hoch. Klößchen war herbei geeilt, wandte sich jedoch enttäuscht wieder ab, da er geglaubt hatte, Tim hätte seinen Schokoladenkarton gefunden. "Das ist doch nur irgend so eine blöde Strickleiter, Tim!", maulte er. "Aber Moment mal, das ist nicht meine!" "Nein, Willi, diese Strickleiter ist Eigentum der Diebe!", kombinierte Tim. "Ui, woher weißt Du, dass es mehrere waren?", wunderte sich sein Freund. "Na, ganz einfach, Willi. Ein Täter allein könnte kaum eine derartige Unordnung anrichten." Klößchen schluckte. "Ähm, Tim, dieses Durcheinander habe ich angerichtet." "Was, DU warst das?" Tim verstand die Welt nicht mehr. "Ich musste doch meinen Schokoladenkarton finden und da habe ich eben überall gründlich nachgesehen" Tim schlug sich mit der Hand vor den Kopf. "Oh Mann, Willi, in den Schubladen hat doch gar kein Karton Platz!" "Was weiß ich denn wie groß so eine dumme Schublade ist", murrte Klößchen, "außerdem habe ich ganz andere Sorgen. Ich habe nur noch zwei Tafeln in der Jackentasche und die sind schon halb geschmolzen. Wie soll ich denn so den morgigen Tag überleben?" Plötzlich wurde Klößchen kreidebleich und bekam gläserne Augen "Ich brauch Stoff, Tim, Schokolade, verstehst Du? Schokolade!" Klößchen packte Tim und schüttelte ihn durch. "Schokolade, Schokolade!" schrie er die ganze Zeit. "Nun beruhige Dich doch wieder, Willi! Ganz ruhig!" Tim klopfte seinem dicken Freund auf die Schulter. "Nur keine Sorge. Wir fahren jetzt beide zur Notfall Apotheke, die werden ja sicher Schokolade da haben. Danach verständigen wir Kommissar Glockner. Er wird sofort eine Ringfahndung nach den Tätern einleiten. Nun guck nicht so aus der Wäsche, mein Dickerchen. Alles wird wieder gut!"
Die Spur wird heiß
Kommissar Glockner hatte während seiner langen Dienstzeit schon einiges erlebt, insbesondere seitdem er die TKKG Bande kannte. Doch dass ein kompletter Schokoladenkarton der Firma Sauerlich verschwunden war, das war selbst für ihn etwas Neues. Tim, Karl, Klößchen und Gaby saßen am frühen Nachmittag in Glockners Büro und studierten Prozessakten von verurteilten Schokoladendieben. Klößchen ging es wieder halbwegs gut. Zwar hatte die Notfall Apotheke nur Diätschokolade gehabt, doch nach etwas mehr als 80 Tafeln davon war Klößchen wieder halbwegs ansprechbar gewesen. Nun nippte er genüsslich an seinem Kakao, den ihm Glockner aus dem Kaffeeautomaten besorgt hatte. Die Ringfahndung der Polizei hatte bis zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts ergeben. Allerdings hatte Tim auch nicht wirklich damit gerechnet, dass die Polizei die Täter diesmal vor ihm schnappen würde. Doch einen Versuch war es schließlich wert gewesen. Glockners Telefon klingelte. Die TKKG Freunde bemerkten, wie sich auf dem Gesicht des Kommissars Schweißperlen bildeten. Glockner legte auf und stöhnte laut. "Papi, was ist denn los?", erkundigte sich Gaby besorgt. "Ihr werdet es nicht glauben, aber es ist ein zweiter Schokoladendiebstahl begangen worden! Am helligten Tag! Und haltet Euch fest, es ist wieder ausschließlich Sauerlich Schokolade gestohlen worden! Diesmal gleich zwei volle Kartons!" Tim sprang auf. "Wo ist das passiert?" "In der Konditorei Hans Schleckmann in der Makromenstraße. Moment, wo wollt ihr hin? Haltet Euch bitte aus dem Fall heraus, wir haben es hier mit ganz gefährlichen Schwerverbrechern zu tun!" "Keine Sorge, Herr Kommissar", beruhigte ihn Tim, "wir werden einfach Kaffee trinken gehen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen" "Sehr vernünftig", lobte der Kommissar. Die Vier verließen das Präsidium und radelten auf ihren Fahrrädern (Drahteseln) davon. "Wo gehen wir denn hin?" fragte Klößchen. "Na, ist doch klar, Willi. Natürlich in die Konditorei Hans Schleckmann!" "Das verstehe ich jetzt aber nicht. Du hast doch eben zum Kommissar gesagt..." "Ach Mensch Willi", seufzte Gaby, "mein Papi hat uns zwar verboten, uns in den Fall einzumischen. Er hat uns aber nicht verboten, Kaffee trinken zu gehen!" "Richtig, Pfote. Und außerdem wollen wir ja der Polizei nur helfen", sagte Tim.
*
Hans Schleckmann war ein freundlicher und redseliger älterer Herr Ende 60 mit Halbglanze und Goldrandbrille. Er hätte der TKKG Bande die Geschichte sicher noch 100 Mal erzählt, wenn diese ihn darum gebeten hätte. Die Vier saßen in seiner Konditorei und während Tim, Karl und Gaby einige seiner Vanilleplätzchen probierten, verdrückte Klößchen gerade das siebte Stück Schokoladentorte, was Schleckmann sichtlich verzückte. "Also Willi, ich habe noch nie jemanden gesehen, der soviel Schokolade verdrücken kann wie Du. Das ist ja die reinste Freude!", lachte Schleckmann. "Sie haben mich noch nicht in Hochform erlebt", erwiderte Klößchen genüsslich mampfend, "manchmal verdrücke ich 20 Tafeln Schoko in unter einer Minute!"
"Herr Schleckmann, würden Sie uns bitte einmal die genaue Stelle zeigen, an der die Schokoladenkartons verschwunden sind?", bat ihn Tim. "Aber gerne doch! Folgt mir!" Schleckmann führte die TKKG Bande zu einer Tür neben der Verkauftheke, hinter der sich ein langer Gang erstreckte. An einer Stelle gabelte dieser sich. "Hier, seht mal. Links geht es zum Lager. Rechts ist der Lieferanteneingang. Ich erinnere mich noch genau, wie es dort vorhin klopfte. Ich ging hinaus, um zu sehen, wer dort an der Tür sei. Doch dort war niemand. Als ich zurück kam und ins Lager ging, um neue Schokolade zu holen, waren plötzlich beide Kartons mit Sauerlich Schokolade weg! Ein Glück, dass die Diebe nicht auch noch die Kasse mitgenommen haben! Meine gesamten Tageseinnahmen waren darin." "Das ist wirklich seltsam", überlegte Karl, "es sieht so aus, als hätten es die Gangster weder auf Geld noch andere Wertgegenstände abgesehen. Stattdessen stehlen sie ausgerechnet Sauerlich Schokolade. Warum nur?" "Die Diebe haben eben ein Auge für Qualität", sagte Klößchen, "schließlich stellt mein Vater die beste Schokolade in der gesamten Gegend her!" "Sorry, wenn ich Euch unterbreche", warf Tim ein, "aber würdest Du Dich bitte mal am Lieferanteneingang umsehen, Karl? Vielleicht entdeckst Du was." Karl tat wie ihm geheißen und der Rest begab sich in den Lagerraum. "Wo haben denn die Kartons gestanden?", fragte Gaby "Hier, ganz rechts unten im Regal dort hinten", antwortete Schleckmann. Tim und Gaby sahen sich das Regal genauer an, während Klößchen angesichts der riesigen Mengen an Kuchen, Plätzchen und anderen Leckereien, die hier lagerten, aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Plötzlich entdeckte Tim etwas. Ganz hinten an der Wand, halb hinter einen leeren Kiste verborgen schimmerte etwas hervor. Tim streckte seine Hand aus und griff danach. Es fühlte sich weich und flauschig an. "Tim, was hast Du denn da?", fragte Gaby. Tim antwortete nicht, sondern zog den Gegenstand vorsichtig hervor. Klößchen kam herbei gewatschelt. "Was habt ihr denn da, Tim? Hm, sieht aus, wie ein übergroßes Marzipanbrot. Mjam, lecker!" "Willi", sagte Gaby, "Das ist doch kein Marzipanbrot sondern ein Handtuch!" "Gehört das ihnen, Herr Schleckmann?", wollte Tim wissen. "Nein, also ich habe das hier noch nie gesehen", wunderte sich dieser. "Moment mal, Sekunde", grübelte der TKKG Häutpling, "irgendwie kommt mir das Handtuch bekannt vor. Ich komme bloß gerade nicht drauf. Willi, denk doch mal nach... Ach so, ich vergaß, Du kannst ja nicht denken! Gaby, denk Du doch mal nach... Ach nein, ich glaube, das wäre für Dich zu hoch! Moment, irgendwen hatten wir doch bei TKKG, der gut denken konnte. Wie hieß der doch gleich? Natürlich, Karl! Karl? Karl, wo steckst Du denn? Komm sofort hierher!" Karl kam eilig angelaufen, vor Aufregung beschlugen seine Brillengläser. "Ja, was gibt's denn, Häuptling?" "Sieh Dir doch bitte mal dieses Handtuch an und sage mir woher es stammt" Karl nahm das Handtuch, faltete es auseinander, so dass ein großes, eingraviertes schwarzes "T" sichtbar wurde. Er schnupperte eingehend an dem Handtuch und ließ es schließlich sinken. "Also gemessen an der Intensität des Schweißgeruches, der Beschaffenheit des Materials, des Abnutzungsfaktor multipliziert mit pi sowie der momentanen Wetterlage in Südaustralien komme ich zu dem Schluß, dass dies das Baumwollhandtuch ist, dass Tim vor genau zwei Monaten, neun Tagen und drei Stunden im Kaufhaus an der Rauschener Straße gekauft und zuletzt gestern nach dem Sportunterricht benutzt hat. Da bin ich mir 100% sicher!" Tim nahm das Handtuch. "Tatsächlich, das ist meins. Ich muss es gestern in der Sporthalle liegen gelassen haben. Aber wie kommt es hierher? Das ist die Frage, die es zu klären gilt" "Was tun wir als nächstes, mein Held?", fragte Gaby und pustete gegen ihren Pony, der wieder einmal ein wenig zu kurz geraten war. "Wir sollten für heute Schluss machen. Es ist schon spät und ich denke, es ist besser wenn wir Dich jetzt nach Hause bringen. Ich möchte nicht, dass Du noch auf die Straße gehst, wenn es dunkel wird und derart skrupellose Verbrecher die Gegend unsicher machen", bestimmte Tim, "am besten Du gehst gleich ins Bett, Gaby" "Ist gut, mein Schatz", stimmte diese zu, "es ist wirklich beruhigend, Dich an meiner Seite zu wissen in diesen gefährlichen Zeiten" Tim errötete leicht, doch er ließ sich nichts anmerken. Die Vier verabschiedeten sich von Hans Schleckmann, der Klößchen noch eine Schachtel Schokoladenkekse schenkte, damit er wieder auf die Beine käme, wie Schleckmann bemerkte. Anschließend radelten die TKKG Freunde in Richtung Altstadtviertel, wo sie zunächst Gaby zu Hause ablieferten und danach Karl in der Vierstein Villa am Stadtrand absetzten.
Danach fuhren Tim und Klößchen zurück ins Internat und gingen früh zu Bett. Es war ein aufregender aber auch anstrengender Tag gewesen.
Ein alter Bekannter
Der nächste Tag brachte zunächst keine neuen Erkenntnisse. Tim und Klößchen schwitzten in der Arbeitsstunde im Internat, während Karl und Gaby als sogenannte "externe Internatsschüler" ihre Hausaufgaben zu Hause erledigten. Tim war gerade bei der letzten Mathematikaufgabe angelangt, während Klößchen immer noch an der ersten saß und heimlich von ihm abschrieb. Dr. Beinlich, der die Aufsicht führte, kam herein und ging auf Tim zu. "Ja, Herr Doktor?" "Tim, Telefon für Dich. Es ist Kommissar Glockner" "Ich komme" Tim hastete in die Besenkammer und meldete sich. "Hier Tim. Was gibt es, Herr Glockner?" "Stell Dir vor Tim, es sind schon wieder zwei Schokoladendiebstähle in Konditoreien begangen worden. Aber wir haben jetzt endlich eine Täterbeschreibung. Ein Konditor konnte einen der Täter beschreiben, so dass wir ein Phantombild erstellen konnten. Ich glaube, das solltest Du Dir mal ansehen" "Ich bin sofort zur Stelle Herr Kommissar! Dauert nur eine Minute!"
Kurze Zeit später saßen alle TKKG Mitglieder in Glockners Büro. Der Kommissar ließ das Phantombild herum gehen. Die Vier staunten nicht schlecht, als sie darauf ihren alten Bekannten Erich Kaupal wiedererkannten! "Jetzt ist alles sonnenklar", folgerte Tim. "Kaupal hat diese Diebstähle begangen, entweder allein oder zusammen mit einem Komplizen. Wir müssen nur herausfinden, wann und wo er als nächstes zuschlagen wird. Dann haben wir ihn" "Die betroffenen Konditoren Schleckmann, Naschmeier und Zuckerwatt haben eine hohe Belohnung für die Ergreifung der Täter ausgesetzt", merkte Glockner an. "Spitze", freute sich Tim, "die holen wir uns und spenden sie der Vereinigung zur Unterstützung zuckerkranker Nashörner in Neuginea" Ich schlage vor, wir teilen uns auf. "Karl und Gaby, ihr fahrt zur Konditorei Zuckerwatt, die liegt sowieso auf Gabys Nachhauseweg. Seht Euch um, ob dort wieder irgendwelche persönlichen Gegenstände von mir liegen. Willi, Du fährst zu Naschmeier. Pass aber auf, dass Du Dich dort auch wirklich umsiehst und nicht nur Süßigkeiten in Dich reinstopfst!" "Und was machst Du, Tim?", wollte Karl wissen. "Ist doch klar! Ich beschatte Kaupal! In seiner Strafakte habe ich gelesen, dass er hier in der Stadt einen Bruder namens Dirk hat. Würde mich nicht wundern, wenn er bei ihm untergetaucht ist. Also, wir treffen uns in genau vier Stunden wieder hier im Präsidium. An die Arbeit!"
*
Karl empfand es als sehr angenehm, nach langer Zeit wieder einmal mit Gaby allein zu sein. In ihrem knappen, gelben Sommerkleid mit den passenden Sandalen dazu sah sie wieder toll aus. Ihr blondes Haar, das sie heute zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, leuchtete in der Sonne. Karl seufzte. "Was hast Du denn, Karl?", wollte seine Angebetete wissen. "Du benimmst Du in letzter Zeit manchmal so seltsam" "Was? Äh, Nein, es ist nichts. Alles in Ordnung. Sieh nur, da vorne ist schon die Konditorei." Die beiden stiegen von ihren Drahteseln ab und betraten das Geschäft. Die Besitzerin Frau Zuckerwatt wollte ihnen zunächst keine Auskunft erteilen, doch schließlich war auch sie überzeugt, dass in dieser Sache zwei 14-jährige weitaus mehr ausrichten konnten als die Polizei. Frau Zuckerwatt zeigte Karl und Gaby die Vorratskammer, aus der die Schokoladenkartons verschwunden waren. Ganze vier waren es diesmal gewesen. Karl bückte sich und ließ seine Augen über den Boden schweifen. "Was macht denn Dein Freund da?", erkundigte sich Frau Zuckerwatt bei Gaby. "Ach, unser Karl ist eine wahre Spürnase. Wenn es auch nur die kleinste Spur gibt, dann findet er sie", erklärte sie ihr. "Schon was gefunden, Karl?" Karl tastete weiter den Boden ab, fand zunächst nichts, bis ihn irgendetwas in die Hand piekste. Er hielt inne und hob einen kleinen spitzen Gegenstand auf. Es war eine Anstecknadel. Karl hob sie auf und zeigte sie Gaby. Gaby erkannte sie sofort wieder. "Mensch Karl, ich werd' verrückt! Das ist doch die goldene Ehrennadel, die Tim letzten Winter für besondere Verdienste für unsere Millionenstadt vom Ministerpräsidenten verliehen bekommen hat!" Karl erinnerte sich nur zu gut daran. Eigentlich hatte er damals den Fall um die gestohlenen Orchideen aus dem Schlossgarten gelöst. Schließlich war er, Karl, es gewesen, der in Erfahrung gebracht hatte, dass es sich bei allen gestohlen Orchideen um sogenannte "Herbstdrehähre", eine äußerst seltene Orchideenart, handelte. Und er war es auch gewesen, der das einzige Geschäft in der Millionenstadt aufgetan hatte, das diese Sorte verkaufte. Gut, den Besitzer Rudolf Raubner hatte Tim mit einigen Handkantenschlägen dingfest gemacht, doch die meiste Arbeit an diesem Fall hatte Karl geleistet. Wieder einmal...
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Tim stand vor dem Haus von Dirk Kaupal und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Eigentlich müsste er nur an der Haustür klingeln und Erich Kaupal in Gewahrsam nehmen. Mit den beiden Kaupals würde sicher spielend fertig werden, da war sich der Kopf von TKKG sicher. Doch dann besann sich Tim anders und schlich sich stattdessen hinter das Haus. Er verschanzte sich hinter einigen Brombeersträuchern, die zwar mächtig pieksten, doch Tim war hart im Nehmen, ihm machten ein paar Dornen nichts aus. Tim sah durch sein Fernglas und stellte fest, dass sich im Erdgeschoss scheinbar niemand aufhielt. Doch oben im ersten Stock schien jemand im Zimmer zu sein. Tim pirschte sich näher an die Hauswand heran und sah wieder durch das Glas. Dort oben war Erich Kaupal! Er saß an einem PC (Personal Computer) und tippte scheinbar irgend etwas. "Vermutlich die Pläne für seinen nächsten Einbruch", dachte sich Tim.
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Erich Kaupal strahlte über das ganze Gesicht, denn er hatte gerade den besten Einfall seines Lebens gehabt. Er las den Text seiner E-Mail, die er gerade zuende geschrieben hatte, noch einmal durch. Hoppla, fast hätte er vergessen, das Foto anzuhängen. Das holte Kaupal schnell nach und schicke die E-Mail anschließend ab. "Ich hoffe, der Kerl liest sie bald", sagte Kaupal zu sich selbst. "Wenn die Sache auch noch klappt, kann wirklich gar nichts mehr schief gehen" Er steckte sein Handy ein, schaltete den PC aus und ging nach unten zur Haustür.
*
Tim sah, wie Kaupal das Haus verließ und die Straße entlang ging. Das war seine Chance, das Haus zu durchsuchen. Normalerweise war Tim nicht der Typ, der in fremde Häuser einstieg, doch hierbei handelte es sich um einen Notfall. Er musste an die Pläne der Gangster kommen. Tim ging um das Haus herum und bemerkte, dass eines der Küchenfenster nur angelehnt war. Im Nu war er drinnen und sah sich in den Räumen um. Unten im Erdgeschoss fand er nichts Ungewöhnliches und so begab er sich in den ersten Stock. Hier gab es nur drei Räume und im letzten stand tatsächlich Kaupals PC. Tim schaltete ihn ein. Ein Glück, der Rechner war nicht mit einem Passwort geschützt. Ansonsten hätte der TKKG Häuptling alt ausgesehen, denn Passwörter hacken (knacken) konnte höchstens Karl und der war gerade nicht hier. Tim bemerkte, dass ein Textverarbeitungsprogramm geöffnet war. Er nahm sich die zuletzt geöffnete Datei vor und traute seinen Augen nicht. Die Gangster planten offensichtlich einen Einbruch in das Lagerhaus der Firma Sauerlich, das sich einige Kilometer außerhalb der Millionenstadt befand! Und das bereits morgen Abend. Wie gut, dass er jetzt ihre Pläne kannte! Tim klickte auf den "Drucken" Button (Schaltfläche) und in der Ecke begann ein Drucker zu surren. Er steckte die Pläne unter sein Hemd, schaltete den PC wieder aus und verließ den Raum sicherheitshalber durch das Fenster. Man konnte nicht wissen, wann Kaupal zurück käme. Tim hangelte sich an der Regenrinne hinunter und sprang dann ab. Leider landete er wieder in den Brombeersträuchern, doch das konnte ihn nicht schocken. Er ging zu seinem Rennrad und radelte auf dem schnellsten Weg ins Polizeipräsidium.
Ein geheimnisvoller Anruf
Im Präsidium warteten Klößchen und Gaby zusammen mit Kommissar Glockner bereits ungeduldig auf den TKKG Häuptling. Karl hatte sich entschuldigen lassen, da er noch Brillenputztücher kaufen musste und nicht zu spät nach Hause kommen wollte. Gaby berichtete Tim von der Anstecknadel. "Hast Du denn auch etwas gefunden, Willi?", fragte Tim. "Ja", antwortete dieser, "Herr Naschmeier hat auf seinem Hinterhof, von wo seine fünf Schokoladenkartons verschwunden sind, diese Plastikkarte gefunden. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das Deine Mitgliedskarte vom Sonnenstudio!" "Stimmt, das ist sie! Das wird ja immer schöner!", empörte sich Tim. "Lasst uns mal zusammenfassen: Zusammen mit Willis Schokoladenkarton sind insgesamt 12 Schokoladenkartons der Firma Sauerlich verschwunden. Und nun planen Kaupal und seine Komplizen offensichtlich einen Großeinbruch in Sauerlichs Lagerhaus. Den müssen wir verhindern! Ich habe auch schon einen Plan: Herr Glockner, Sie postieren ihre Leute rund um das Lagerhaus, aber unauffällig, damit sie niemand sieht. Wir von TKKG werden morgen Kaupal auf Schritt und Tritt beschatten und ihn bis zum Lagerhaus verfolgen. Dort können sie ihn dann verhaften." "Tim, Deine Einfälle sind wie immer brillant", lobte ihn Glockner, "was würde die Polizei nur ohne TKKG machen?""Na, ist doch klar, Überstunden!", witzelte Klößchen. Alle lachten.
*
Karl saß in seinem Zimmer und erledigte den letzten Schwung Hausaufgaben für die nächste Woche. Eigentlich liebte Karl Hausaufgaben, doch in letzter Zeit machen selbst diese ihm nicht mehr wirklich Spaß. Vorhin hatte Gaby angerufen, um ihm zu sagen, dass sie sich morgen um 16 Uhr vor Kaupals Haus treffen wollten. Morgen war Samstag und Karl passte das eigentlich gar nicht, weil er ursprünglich zu einem Vortrag über seltene Schlingpflanzen in der Antarktis gehen wollte. Doch dank Tim und dessen genialer Einfälle konnte er seine Wochenendplanungen wieder einmal begraben. Und dann war da noch diese seltsame E-Mail, die er vor etwa einer Stunde erhalten hatte. Darin stand: "Denk über Deine Zukunft nach. Ich melde mich nachher bei Dir. Gruß, jemand, der es gut mit Dir meint" An die E-Mail angehängt war ein Foto von einem bildhübschen Mädchen. Sie erinnerte Karl irgendwie an Gaby, sie hatte die gleichen Kornblumenaugen wie seine TKKG Freundin und ebenfalls blondes Haar. Karl fragte sich, wer dieses Mädchen wohl sein könnte. In diesem Augenblick klingelte sein Handy. Er schaute auf das Display, Gaby war das nicht. Vielleicht war es Tim? Nein, es wurde eine Handynummer angezeigt und Tim hatte kein Handy. Wozu auch, er konnte ja jederzeit Karls benutzen. Karl zögerte einen Moment und nahm dann doch ab. "Karl Vierstein, Hallo?" "Hallo Karl!", hörte er am anderen Ende eine Männerstimme sagen. Karl rutschte das Herz in die Hose, denn diese Stimme kannte er. Es war Erich Kaupal, der Umweltsünder, den TKKG damals ins Gefängnis gebracht hatten und der jetzt die Stadt mit Schokoladendiebstählen unsicher machte! Was wollte der von ihm? "Was wollen Sie von mir?", fragte Karl mit leiser Stimme. "Hast Du meine E-Mail bekommen?", erwiderte Kaupal am anderen Ende der Leitung. "Ja, schon, aber ich weiß trotzdem nicht, was Sie eigentlich von mir wollen. Obwohl das Mädchen auf dem Bild sehr hübsch ist..." "Ja, das finde ich auch", stimmte Kaupal zu, "sie ist die Tochter von meinem Freund Richie. Ich stelle sie Dir gerne vor, aber zuerst musst Du uns einen kleinen Gefallen tun. Überlege es Dir und rufe mich anschließend zurück. Auf Wiedersehen, Karl!" Es klickte, Kaupal hatte aufgelegt. Karls Hände begannen zu zittern und schließlich zitterte er am ganzen Körper. Tausend Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Er dachte an Tim, den er jetzt eigentlich sofort verständigen musste, um ihm von Kaupals Anruf zu erzählen. Doch im nächsten Moment dachte er wieder an das hübsche Mädchen auf dem Bild, Richies Tochter. Sie gefiel ihm wirklich und erinnerte ihn doch so sehr an seine alte Flamme Gaby. Wieder dachte er an TKKG, sie mussten Kaupals und Richies Pläne stoppen. Oder nicht? Es war doch nur Schokolade und Herr Sauerlich hatte sowieso schon genügend Geld. Ein Lagerhaus voller Schokolade ließ sich sicher leicht ersetzen. Doch was war mit Recht und Gesetz? Es war immer noch strafbar, Schokolade zu stehlen, vor allem wenn diese einem seiner besten Freunde gehörte. Karl hatte Klößchen immer gern gehabt. Willi hatte zwar manchmal ein Brett vor dem Kopf und sah den Wald vor lauter Bäumen nicht, trotzdem war er ein prima Freund. Karl wurde sich nicht schlüssig. Schließlich griff er zum Handy. Was sein musste, musste eben sein.
On the Road mit einem Old Buddy
Tim, Klößchen und Gaby standen mit ihren Drahteseln gegenüber von Kaupals Haus und warteten auf Karl. "Komisch, unser Computer ist in letzter Zeit ziemlich oft unpünktlich", fiel Tim auf. "Ach, da kommt er ja!", rief Gaby. Karl kam die Straße entlang geradelt und stoppte vor seinem TKKG Freunden. "Hey Karl, gut, dass Du da bist!", sagte Tim und klopfte Karl freundschaftlich auf die Schulter. "Mensch, das ist ja ein Ding, dass der Kaupal Dich gestern angerufen hat. Der Mann hat wirklich Nerven!" Karl nickte. "Na, dann wollen wir mal!" Tim verlor keine Zeit. "Ich schlage vor, wir verstecken unsere Stahlrösser und beobachten die Einfahrt. Irgendwann werden Kaupal und seine Komplizen ja losfahren müssen" Lange brauchten die TKKG Freunde nicht zu warten. Ein grauer Lieferwagen erschien auf der Bildfläche und parkte vor dem Haus. Karl blickte durch das Fernglas. Im Führerhaus saßen ein Mann mit langen blonden Haaren und einer Zigarette im Mund und neben ihm ein Mädchen in seinem Alter. Das musste die Kleine auf dem Bild sein. In Natura sah sie noch viel hübscher aus. In diesem Moment verließ Kaupal das Haus und stieg in den Lieferwagen. Der Fahrer gab Gas und im nächsten Moment waren die Drei bereits hinter einer Abzweigung verschwunden. "Los, hinterher!", rief Tim. Die Kids traten in die Pedale und folgten dem Lieferwagen. Doch an einer Ampelkreuzung passierte es: Es gab einen lauten Knall und im nächsten Moment ging Klößchens Vorderreifen die Luft aus. "Mensch Willi, dass das aber auch immer nur Dir passieren muss!", schimpfte Tim. "Aber Häuptling, ich kann nichts dafür. Da lag dieser Nagel und...", stammelte Klößchen. "Faule Ausrede! Verflixt, was machen wir denn jetzt?" Tim fluchte, bis sein Blick zufällig auf die andere Straßenseite fiel. Dort befand sich eine Tankstelle, an dieser stand ein roter Porsche. Und nicht nur das, an der Zapfsäule erkannte Tim einen alten Bekannten wieder. Es war niemand anders als Porsche-Hubi, sein alter Kumpel aus dem Judoclub. Porsche-Hubi blickte zu ihnen herüber und winkte. "Los, rüber da zur Tankstelle, schnell!", befahl Tim den anderen. Klößchen keuchte sein Fahrrad schiebend hinter seinen Freunden her und wäre auf der Straße fast von einem Auto überrollt worden. Der Fahrer stieg aus, als er jedoch Tims drohende Faust auf sich zu kommen sah, stieg er schnell wieder ein und brauste davon. "Hey, Porsche-Hubi, warte!", rief Tim seinem Freund zu. "Na so was", freute sich der, "Tim und die TKKG Bande! Na, seid ihr wieder einem Verbrechen auf der Spur?" "Und ob, Porsche-Hubi", erklärte Tim, "leider haben wir nicht viel Zeit. Wir müssen drei Gangster verfolgen und Willi ist die Luft ausgegangen. Wir brauchen Dich und Deinen Porsche, um sie einzuholen!" "Also Tim, eigentlich habe ich keine Zeit. Ich muss noch zum Judo Training. Du weißt ja, morgen sind die Stadtmeisterschaften und..." "Finde ich klasse von Dir, dass Du uns helfen willst, Porsche-Hubi!", unterbrach ihn Tim eiligst. "Karl, hilf mir, die Räder im Kofferraum zu verstauen. Los, los, wir haben wenig Zeit!"
Tim quetschte sich zusammen mit Karl und Gaby in den Fond, während Klößchen sich auf den Beifahrersitz zwängte. Wäre das dicke TKKG Mitglied hinten eingestiegen, wäre dort sicher kein Platz mehr gewesen. Porsche-Hubi gab Gas und sie bretterten die Hauptstraße entlang. "Zum Lagerhaus geht es immer weiter geradeaus und dann nach ca. 5km rechts", instruierte (wies ihn an) Tim Porsche Hubi. Vor ihnen sprang eine Verkehrsampel auf Rot. "Los, fahr drüber, Porsche-Hubi! Wir sind auf Verbrecherjagd, da kümmern uns keine Ampeln!", befahl Tim. Porsche-Hubi tat wie ihm geheißen. Beinahe hätte er eine alte Dame gestreift, die an der Ampel die Straße überqueren wollte. Tim nahm sich vor, der alten Lady bei Gelegenheit ein paar Blumen vorbeizuschicken als Entschädigung. Normalerweise war er ja nicht der Typ, der die Verkehrsregeln missachtete, doch wenn es um Law und Order ging, war alles andere unwichtig. Porsche-Hubi bog rechts ein und von weitem konnte man das Lagerhaus bereits sehen. Er hielt an. "Also passt auf, wir machen folgendes", sagte Tim, "Porsche-Hubi, Du bringst Gaby nach Hause, denn das was gleich kommt ist nichts für Frauen. Karl, Willi und ich werden uns die Gangster vornehmen. Und keine Sorge, Kommissar Glockner und seine Männer sind auf dem Posten, da kann gar nichts schief gehen"
In der Falle
Nachdem Porsche-Hubi mit Gaby davon gebraust war, schlichen sich Tim, Karl und Klößchen zum Eingang des Lagerhauses. "Merkwürdig, alles ist ruhig", wunderte sich Tim. "Wieso ist das merkwürdig? Wenn wer einen Einbruch vorhat, wird er sich doch leise verhalten", warf Klößchen ein. "Willi, Du kapierst aber auch gar nichts! Na ja, wie immer. Karl, was sagst Du dazu?" "Ich schließe mich Deiner Meinung an, Häuptling!", sagte Karl mit ungewohnt trockener Stimme. Tim drückte vorsichtig die Türklinke nieder. "Seltsam, die Tür ist abgeschlossen. Das heißt, die Gangster waren entweder noch nicht hier oder aber wir kommen zu spät. Karl, gib doch mal Deinen Dietrich" Karl holte seinen Dietrich aus der Tasche und reichte ihn Tim. Dieser schloss damit die Tür auf und sie betraten das Lagerhaus. Klößchen sah sich um. "Hm, also so wie ich das sehe, ist die gesamte Schokolade noch da. Puh, da bin ich aber beruhigt!" "Ist ja schön für Dich, Willi", meinte Tim, "aber wir wissen immer noch nicht, wo die Gangster stecken. Gibt es vielleicht noch einen zweiten Lagerraum hier in der Nähe?" Klößchen schüttelte den Kopf. "Nein, dies ist das einzige Lagerhaus, das wir hier in dieser Gegend haben. Es gibt aber hier irgendwo noch einen kleinen Nebenraum, in dem leere Kartons gelagert werden. Ich glaube, er ist dort drüben" Klößchen deutete auf eine schwere Stahltür, die wie Tim sofort bemerkte nur angelehnt war. Dort mussten sie sein! "Los, mir nach", rief Tim und die Drei rannten los. Tim stürmte von Karl und Klößchen gefolgt in den Raum und blieb dann wie angewurzelt stehen. Vor ihm standen Kaupal, sein Freund Richie und dessen Tochter. Kaupal und Richie hielten Eisenrohre in den Händen. "Schau an, wen haben wir denn da? Wenn das nicht mein alter Freund Peter Carsten ist!", höhnte Kaupal. "Herr Kaupal! Schön sie wiederzusehen. Ich habe eine kleine Überraschung für Sie. In ein paar Minuten wird es hier vor Polizeibeamten nur so wimmeln. Kommissar Glockner wird sie und ihre Komplizen verhaften und sie wandern zum zweiten Mal ins Gefängnis, diesmal lebenslänglich. Dafür werde ich schon sorgen!" "Große Sprüche, Junge", spottete Richie, "aber dazu müsstest Du uns erst mal haben!" "Ha, immerhin sind wir drei gegen drei und mich hat bisher noch keiner besiegt!" Da hörte Tim neben sich eine Stimme. "Tim, es tut mir leid!" Tim riss die Augen auf. Vor ihm stand Karl mit einer Pistole in der Hand! Karl ging herüber zu dem Mädchen und legte den Arm um sie. Tim konnte gar nicht glauben, was er da sah. "Oh, Karl", schwärmte die Blondine, "Du warst einfach toll!" "Ach, Sabine! Ich bin froh, dass jetzt alles vorbei ist!" Tim fing sich langsam wieder "Ich weiß nicht, was Sie mit Karl angestellt haben, Kaupal, aber damit kommen sie nicht durch! Willi, sieh doch mal nach wo die Polizei so lange bleibt!" Kaupal und Richie lachten auf. "Bemüh Dich nicht, Willi", sagte Karl, "ich habe Kommissar Glockner heute morgen angerufen und ihm erklärt, wir hätten uns geirrt und dass kein Einbruch stattfinden würde." Karl grinste. "Es hat ja auch von uns niemand hier eingebrochen, weder Herr Kaupal, noch Richie, Sabine oder ich. Der einzige, der hier eingebrochen hat bist Du, Tim!" Tim war sprachlos. Und doch hatte Karl recht. Er war es gewesen, der die Lagerhaustür mit dessen Dietrich geknackt hatte.
Kaupal ging auf Klößchen zu, der am ganzen Leibe zitterte. "Von Dir wollen wir nichts, Willi. Du bist genauso ein Opfer von Tim wie Karl, ich und noch viele andere mehr. Hör zu: Weiter oben die Straße rauf ist eine Bushaltestelle. Von dort aus kommst Du leicht wieder in die Stadt. Los, verschwinde schon!" Willi blickte Tim fragend an und als dieser ihm zunickte nahm er die Beine in die Hand und rannte los. "Und nun zu Dir, Carsten!", fuhr Kaupal fort, "wir werden Dich jetzt hier einschließen. Danach verständigen wir die Polizei und erzählen ihr, wir hätten Dich hier auf frischer Tat ertappt, wie Du Deine Beute in Sicherheit bringen wolltest!" "Beute? Welche Beute? Alle Kartons sind doch noch da!" Tim verstand zum ersten Mal in seinem Leben wirklich nur Bahnhof. "Schau Dich doch mal um, Tim", sagte Karl, "was siehst Du dort drüben an der Wand hinter Dir?" Tim drehte sich um und erblickte die 12 gestohlenen Schokoladenkartons, die dort an der Wand standen. Auch Willis war dabei, das erkannte Tim sofort. "Na schön, Kaupal", sagte er, "aber Sie vergessen eines dabei. Den ersten Diebstahl kann ich gar nicht begangen haben, weil ich zur fraglichen Zeit überhaupt nicht im "Adlernest" war sondern telefoniert habe!" "Ach wirklich nicht, Tim", meinte Kaupal, "hast Du denn Zeugen, die bestätigen können, wie lange Du tatsächlich telefoniert hast? Schließlich hat Dich in Eurer Besenkammer niemand gesehen. Es wäre ein Leichtes für Dich gewesen, einfach schnell aufzulegen, zurück ins "Adlernest" zu gehen, Willi seinen Schokoladenkarton zu stehlen und über die Strickleiter zu türmen. Anschließend bist Du dann einfach durch den Haupteingang wieder hinein gegangen und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Du nicht in der Besenkammer warst" "Schön, aber was ist mit Deinem Anruf bei Kommissar Glockner, Karl? Damit hast Du Dich verraten. Noch ist es nicht zu spät für Dich! Gib mir die Pistole und wir vergessen die ganze Sache!" "Tim, Tim, Tim", sagte Karl mitleidig, "Du verstehst es einfach nicht. Glaubst Du wirklich, ich wäre so dämlich und hätte als Karl Vierstein beim Kommissar angerufen? Weißt Du, Tim, ich kann Dich inzwischen ziemlich gut imitieren (nachmachen). Daher habe ich mich für Dich ausgegeben. Warte, ich zeige Dir was!" Karl hob seine Stimme und imitierte Tim. "Hey, Karl, ich gehe jetzt ein paar Punker vermöbeln! Sag Du schon mal Kommissar Glockner Bescheid, damit er sie nachher einbuchten kann! Hey, Willi! Du bist ganz schön fett geworden! Nachher machen wir in der Sporthalle erst mal 1000 Liegestütze! Gaby, meine Teure! Das hier ist nichts für Frauen. Karl bringt Dich jetzt nach Hause!" Kaupal, Richie und Sabine waren sichtlich begeistert von Karls Vorstellung. Tim war es weniger. Doch er hatte noch ein letztes Ass im Ärmel. "Und was ist mit den Fingerabdrücken, Kaupal? Selbst wenn sie ihre eigenen und die ihrer Komplizen abgewischt haben, so wird niemand meine auf den Kartons finden" Karl lachte. "Ich denke schon, Tim. Ich habe einfach welche von Deinem Rennrad genommen. Mit ein paar Eisenspänen war es ein leichtes, sie auf die Kartons zu bekommen" "Ha, dann wische ich sie einfach wieder weg", war sich Tim sicher. "Das versuche mal", meinte Richie, "mit gefesselten Armen und Beinen. Los, da rüber auf den Stuhl!" Karl deutete mit seiner Pistole in Richtung des Stuhls und Tim blieb nichts anderes übrig, als sich dort hinzusetzen. Denn bekanntlich helfen weder Judo noch Karate, Kung Fu oder andere Kampfsportarten gegen Pistolen, das hatte Tim bereits früher festgestellt. Kaupal und Richie fesselten ihn an Armen und Beinen und zuletzt bekam er auch noch einen Knebel verpasst. Karl und Sabine standen daneben und blickten sehr zufrieden drein. Die Vier verließen den Raum und Tim hörte, wie die Tür abgeschlossen wurde und kurze Zeit später ein Auto das Gelände verließ.
Unverhofft kommt oft
Tim sah sich in seinem Gefängnis um. Außer den Kartons befand sich hier nichts, mit was er sich hätte befreien können. Ihre Eisenrohre hatten Kaupal und Richie wieder mitgenommen. "Die Gangster sind auch nicht mehr so dumm wie früher einmal", stellte Tim fest. Er dachte nach. Vielleicht hätte er Karl öfters zuhören sollen. Vielleicht hätte er nicht immer allen Ruhm für sich beanspruchen sollen. Vielleicht... Gerade als Tim begann, intensiv über die Fehler nachzudenken, die teilweise er, in der Hauptsache aber wohl Klößchen und Gaby gegenüber Karl begangen hatten, hörte er plötzlich wie ein Schlüssel im Türschloss herum gedreht wurde. Er horchte auf. Da war doch wer. Im nächsten Moment öffnete sich langsam die Tür und eine Gestalt betrat den Raum. Es war Dietmar Strehlau!
Tim war baff. Ausgerechnet Strehlau, der den TKKG Häuptling beschuldigt hatte, er würde ihn bedrohen, kam jetzt zu seiner Rettung! Strehlau schnitt zuerst mit einem Taschenmesser die Fesseln durch und befreite Tim anschließend von dem Knebel. Tim richtete sich langsam auf. Er war noch etwas wacklig auf den Beinen doch es ging schon wieder einigermaßen. "Alles in Ordnung, Tim?", fragte Strehlau. "Mensch, Dietmar, da bin ich aber platt! Wie kommst Du denn hierher?" Tim war zum wiederholten Male an diesem Tag schlichtweg sprachlos. "Na ja," sagte Strehlau, "diese Sache mit den Schokoladendiebstählen kam mir gleich verdächtig vor. Also habe ich auf eigene Faust ermittelt. Wie Du vermutlich nicht weißt, interessiere ich mich sehr für die Aufklärung von Kriminalfällen. Ich fand heraus, dass die letzte ausgeraubte Konditorei Zuckerwatt nur einen Steinwurf von der Spedition Kampholz & Co., in der meine Mutter arbeitet, liegt. Und dann erfuhr ich von ihr, dass dieser neue Kollege sie eingehend über Dich und die Internatsschule ausgefragt hatte. Als sie mir dann noch seinen Namen, nämlich Erich Kaupal, nannte, war mir alles klar! Ich ging also heute morgen zu Kommissar Glockner, und dieser erzählte mir von dem Lagerhaus. Die Geschichte mit Deinem angeblichen Anruf habe ich von vornherein nicht geglaubt. Also bin ich auf dem schnellsten Wege hierher gefahren und sah die Schurken gerade noch mit ihrem Lieferwagen an mir vorbei fahren. Ja, und nun bin ich hier!" Tim wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte. Dann war Strehlau ja doch kein so schlechter Mensch, wie er erst gedacht hatte. Doch nun ergaben sich gleich zwei Probleme. Einmal waren ihnen die Gangster entwischt. Und zum anderen waren da immer noch die belastenden Schokoladenkartons. Die Verpackungen konnte man freilich leicht verschwinden lassen. Nur bei der Schokolade, da wurde es schon schwieriger. Es sein denn... Tim kam eine Idee. "Dietmar, hast Du zufällig ein Handy dabei?", fragte er seinen neuen Freund. "Selbstverständlich", antwortete der, "hier!" Tim nahm das Handy und wählte Klößchens Nummer. Nach schier ewigen fünf Minuten nahm dieser ab. "Ja, Hallo?" "Willi, hier ist Tim! Hör zu, ich habe nicht viel Zeit. Komm sofort wieder zurück zum Lagerhaus, hörst Du? Nimm den Bus, sonst bist Du morgen noch nicht hier. Beeile Dich! Bis dann!" Eine halbe Stunde später kam Klößchen in den Raum gestapft. Er bekam große Augen, als er dort Tim zusammen mit Dietmar Strehlau erblickte. Doch Tim hatte keine Zeit für lange Erklärungen. "Willi, siehst Du dort die Schokoladenkartons an der Wand?" "Ja, Mensch, das sind ja die geklauten Kartons! Und meiner ist auch dabei, juchu! Am liebsten würde ich gleich ein paar Tafeln verdrücken!" "Genau darauf wollte ich hinaus, Willi. Du nimmst Dir bitte jeden einzelnen Karton der Reihe nach vor und verspeist sämtliche Schokoladentafeln! Hast Du mich verstanden?" "Zu Befehl, Häuptling!", sagte Klößchen und machte sich an die Arbeit. Eine gute Stunde später lagerte sämtliche Schokolade sicher in seinem Bauch. Die Drei schafften das Verpackungsmaterial nach draußen und verbrannten es dort. Das war zwar nicht unbedingt gut für die Umwelt, doch wenn es um Verbrechensbekämpfung ging, musste die Umwelt halt hinten anstehen. Nachdem alle Spuren beseitigt waren, fuhren alle gemeinsam in die Stadt zurück und von dort aus direkt ins Polizeipräsidium. Kommissar Glockner staunte nicht schlecht, als Tim gemeinsam mit Klößchen und Dietmar Strehlau sein Büro betrat. "Nanu, Tim? Ich habe gerade einen merkwürdigen Anruf von einem gewissen Richie Lehmann erhalten. Dieser Lehmann behauptet, Du hättest..." "Ich werde ihnen alles erklären, Herr Glockner", unterbrach ihn Tim schnell, "Lehmann und Kaupal sind Komplizen. Sie haben mich im Lagerhaus gefesselt und wollten mir die Schokoladendiebstähle in die Schuhe schieben. Aber nicht zuletzt dank meines neuen Freundes Dietmar hier ist ihr Plan fehlgeschlagen!" In knappen Sätzen berichtete Tim, was geschehen war, erwähnte dabei jedoch die gestohlenen Schokoladenkartons mit keiner Silbe. Ansonsten wäre der Kommissar vielleicht doch noch auf falsche Gedanken gekommen. Nachdem Tim seinen Bericht beendet hatte, griff Glockner zum Telefon und beorderte ein paar Spezialeinheiten zu Kaupals Haus. Er selbst fuhr zusammen mit Tim, Klößchen und Dietmar in seinem BMW hinterher.
Siegesfeier
Bei Kaupals ging es indes hoch her. Zur Feier des Tages hatte Dirk Kaupals Frau Schnitzel gebrutzelt und alle saßen am Küchentisch, aßen und tranken. Erich Kaupal hat sogar seinen Anwalt Uwe Kampholz eingeladen. Die anderen verstanden nicht so recht weshalb, doch Erich hatte versprochen, später alles zu erklären. Sabine und Karl saßen eng umschlungen nebeneinander und fütterten sich gegenseitig mit Schnitzelstücken. Zwischendrin tauschten sie zarte Bussis aus. "He, nicht so stürmisch, ihr beiden. Ihr könnt nachher nach oben gehen", lachte Richie. Plötzlich klingelte es an der Tür und Frau Kaupal ging hin um aufzumachen. Sekunden später erschien sie kreidebleich an der Küchentür. "Die Polizei ist da", stammelte sie, "was machen wir denn jetzt bloß?" "Ach keine Sorge, Schatz! Sie sollen reinkommen", beruhigte sie ihr Mann Dirk. "Kommen sie rein, meine Herren, bedienen Sie sich!" Einige Augenblicke später standen Kommissar Glockner, drei Beamte sowie Tim, Klößchen und Dietmar Strehlau in der Küche. Die restlichen Polizeieinsatzkräfte hielten sich draußen verschanzt, für den Fall, dass es nötig sein sollte, das Gebäude zu stürmen. "Sind noch Schnitzel da?", fragte Klößchen. "Aber natürlich, Willi, alter Freund und Kupferstecher!" Karl klopfte Klößchen gönnerhaft auf die Schulter. "Lang nur ordentlich zu. Du musst ja halb am Verhungern sein!" Mit Schaudern sah Tim zu, wie sein dicker Freund ein Schnitzel nach dem anderen verdrückte. Und das obwohl er erst wenige Stunden zuvor 12 Kartons Schokolade verdrückt hatte! Manchmal konnte man sich über Willi nur noch wundern. "Meine Herren, nehmen Sie diese Männer fest!", befahl Glockner den Beamten. "Nun mal nicht zu hastig, Herr Kommissar!", hörte man da Uwe Kampholz sagen. Der erhob sich aus seinem Stuhl und ging forsch auf Glockner zu. "Ich würde das an ihrer Stelle nicht tun, Herr Kommissar!", sagte Kampholz mit fester Stimme. "Ach Nein? Und weshalb nicht?", fragte dieser. "Mal abgesehen davon, dass ihre Beweise gegen meine Mandaten äußerst lächerlich sind und genauso gut ihr Freund Peter Carsten diese Diebstähle begangen haben könnte, ich meine fragen Sie ihn doch mal, wie seine Fingerabdrücke auf die Kartons kamen und vor allem wo diese geblieben sind, gibt es noch einen Grund, warum Sie mit ihren Männern ganz schnell das Weite suchen sollten!" "Ach, und welchen bitte?", wollte Glockner wissen. Kampholz holte einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche und faltete ihn auseinander. "Herr Glockner, hier habe ich alle Dienstvergehen aufgelistet, die Sie sich allein in den letzten zwei Monaten geleistet haben. Was haben wir denn hier? Aha, zunächst einmal Weitergabe vertraulicher Informationen an nicht autorisierte Personen. Hinzu kommen noch Amtsmissbrauch, Hausdurchsuchungen ohne Durchsuchungsbefehl, Mitnahme nicht befugter Personen auf Polizeieinsätze und nicht zuletzt noch Missachtung der elterlichen Aufsichtspflicht! Wenn ich recht informiert bin wurde ihre Tochter Gaby allein im letzten Monat gleich viermal entführt. Na, was haben Sie dazu zu sagen?" "Ich, also..." stotterte Glockner. "Herr Glockner", polterte Tim, "das ist doch ein abgekartetes Spiel! Die Kerle wollen Sie nur fertig machen. Ich werde..." "Tim", sagte Glockner mit ruhiger Stimme, "ich glaube, wir sollten diese Herrschaften nicht länger belästigen. Huber, ziehen Sie ihre Leute ab!" Der dicke Polizeihauptwachtmeister Huber, bei dem sich Tim immer schon gefragt hatte, was dieser bei der Polizei verloren hatte, ging nach draußen, um seinen Leuten Bescheid zu sagen. Glockner murmelte ein Wort der Entschuldigung und verlies danach mit den anderen das Haus, wobei Tim nur unter Protest mitging, wie er gut zwei duzend mal betonte. Sabine und Karl gingen nach oben, um sich schöneren Dingen zu widmen, während die Männer unten noch ein Glas Wein auf ihren Sieg tranken. Danach fuhr Richie nach Hause, mit dem guten Gefühl, dass seine Tochter bei Karl in guten Händen war, und auch Kaupals gingen schlafen.
Ein neuer Anfang
Tags darauf saßen Tim, Klößchen, Gaby und Dietmar zusammen in Gabys Zimmer und hörten einige ihrer CDs. Gerade lief "You Can Get It If You Really Want", was früher wie Tim traurig bemerkte, mal einer von Karls Lieblingssongs gewesen war. Alle Vier vermissten ihren ehemaligen Freund und Klassenkameraden doch sehr. Am Morgen hatte sich Karl von der Internatsschule abgemeldet, er wolle in Zukunft das städtische Gymnasium besuchen, auf das auch seine neue Freundin Sabine ging, wie er Direktor Dr. Freund mitteilte. Dies hatte Dr. Freund sichtlich sehr getroffen, zumal ihm Karl auch noch ins Gesicht gesagt hatte, dass er in seinen Augen ein schlechter Internatsleiter sei, da er solche Killerbestien wie Tim dort frei herum laufen ließe. Danach war Karl gegangen, wie es aussah für immer. "Vielleicht wird er jetzt glücklich", meinte Gaby, "ich kann es immer noch nicht glauben, was er getan hat. Doch irgendwie kann ich ihn auch verstehen. Er hat doch irgendwie nie richtig zu uns gepasst" "Wie wird Dein Vater mit der Sache fertig?", fragte Dietmar. "Ach, Papi hat sich wieder zurück ins Drogendezernat versetzen lassen. Er sagt, das käme gerade recht, da gestern Detlef Egge aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Bald werden sicher wieder Pakete mit Totenköpfen auftauchen, dann gibt es auch für uns wieder was zu tun." Tim stimmte ihr zu. "Detlef Egge mag zwar ein mieser, gemeiner Kerl sein", sagte er, "doch eines muss man ihm lassen: Er ist immer noch blöd genug, sich von mir immer wieder einbuchten zu lassen! Das schätze ich so an ihm. Nur schade, dass TKKG nun nicht mehr komplett sind. Es sei denn..." Tim hatte plötzlich eine Erleuchtung. Er sah Dietmar an und erkannte in dessen Augen dasselbe Leuchten, das er damals bei Karl gesehen hatte, als dieser TKKG beitrat. "Sag mal, Dietmar, Du hast doch noch einen zweiten Vornamen, wenn ich mich recht erinnere. Wie lautet der noch mal?" "Karl-Gustav", erwiderte Dietmar, "ich heiße Dietmar Karl-Gustav Strehlau!" "Karl-Gustav! Karl! Mensch, wir haben einen neuen Karl!", rief Tim aus. "Juchu", jubelte Klößchen, "lasst weißen Rauch aufsteigen, wir haben einen Karl!" "Willi, das ist mit Abstand der beste Witz, den Du jemals gerissen hast", lachte Tim, "also auf dieses Ereignis muss ich einfach zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben ein Stück Schokolade essen!" Klößchen reichte ihm eins. "Los, Häuptling, auf Ex!", feuerte er seinen Freund an. Tim verspeiste das Stück Schokolade und fand, dass es gar nicht mal übel schmeckte. Anschließend stießen die Vier in alter Tradition mit ein paar Gläsern Cola auf ihr neues Mitglied an. "Und zur Feier des Tages und Deiner bereits enormen Verdienste für TKKG, lieber Karl, darfst Du Dir von Gaby einen kleinen Bussi abholen!", verkündete Tim. "Na, komm schon her, mein Held!", sagte Gaby, zog Dietmar, der von nun an Karl heißen sollte, zu sich hin und gab ihm einen leichten Bussi auf die Wange. "Mensch", meinte der, "damit habe ich ja an einem Tag schon mehr erreicht, als der alte Karl in all den Jahren!" Alle lachten und freuten sich auf die vielen neuen Abenteuer, die sie zusammen noch erleben würden.