
TKKG - Lasst die Profis aus dem Spiel
Folge 2501: "Bombe aus dem Internet"
Inhalt
1. Bei Sauerlichs
2. Kalorien und Karate
3. Stress im Fitness Studio
4. In der Pausenhalle
5. Ein mysteriöser Gästebucheintrag
6. Kein Höflichkeitsbesuch
7. Um Mitternacht auf dem Schulgelände
8. Eine unglaubliche Wendung
9. Die Zeiten ändern sich
10. Wieder nichts
11. Die Evakuierung
12. Unverhofft kommt oft
13. Einfach nur weg
14. Ein Besuch im Internat
15. Vor 10 Jahren
16. Der Deal
17. Finale Furioso
18. Epilog
1. Bei Sauerlichs
Klößchen blickte in die finsteren Mienen seiner Eltern. Diesmal meinten sie es wirklich ernst. Es war Samstag Abend und in der Villa der Sauerlichs hatte die Familie gerade ihr Abendessen beendet. Erna Sauerlich kratzte den letzten Löffel Brennnesselsuppe aus ihrem Teller und wandte sich danach wieder ihrem Sohn Willi zu, den seine Freunde Klößchen nannten. Das Tischgespräch drehte sich wieder einmal um ein altbekanntes Thema, das neuerdings immer häufiger im Hause Sauerlich diskutiert wurde: Es ging um Klößchens Figur. Vereinzelt hatte es solche Diskussionen schon früher gegeben, doch seitdem seine Mutter diesen Kurs „Bewusste Ernäherung für Jugendliche“ in der Volkshochschule belegt hatte war es richtig schlimm geworden, fand Klößchen. Sogar Vater Hermann hatte sie damit angesteckt. Klößchen konnte es langsam nicht mehr hören. Ständig warfen ihm seine Eltern in letzter Zeit vor, er würde nicht auf seine Ernährung achten, solle nicht soviel Schokolade futtern und sich doch einmal ansehen wie schlank seine TKKG-Freundin Gaby sei. „Sieh Dir doch mal an, wie schlank Gaby ist“, sagte Erna vorwurfsvoll, „sie ist nicht umsonst das schönste Mädchen an Euer Schule. Wenn Du so schlank wärst, Willi, würde dies Deine Chancen beim weiblichen Geschlecht sicher auch erhöhen!“ „Mensch Mama“, stöhnte Klößchen, „jetzt fang doch nicht schon wieder damit an! Außerdem“, fuhr er grinsend fort, „muss Gaby doch schlank sein, damit Tim sie leichter aus den Händen von Gangstern retten kann. Stell Dir mal vor, sie würde eine Tonne wiegen, dann müsste Tim ja vorher immer erst einen Schwerlasttransporter bestellen, hahaha!“ Seine Eltern sahen ihn mit versteinerten Mienen an. „Das ist nicht lustig, Willi“, sagte Hermann Sauerlich, „denk doch nur einmal daran, dass Du eines Tages unsere Schokoladenfabrik übernehmen wirst. Wie sieht das denn aus, wenn Du mit einer solchen Figur das Unternehmen repräsentierst (nach außen vertrittst)? Da bekämen die Leute doch gleich einen schlechten Eindruck von unseren Produkten und würden glauben, unsere Schokolade mache sie dick!“ „Sie macht doch auch dick“, maulte sein Sohn, „und überhaupt hängt mir dieses Thema zum Halse raus!“ Er sah seine Mutter vorwurfsvoll an. „Papa ist doch nicht viel schlanker als ich und bei dem sagst Du gar nichts! Das finde ich ungerecht, jawohl, ungerecht!“ Klößchen trommelte wütend mit seinen Fäusten auf den Tisch. „Willi, benimm Dich!“, tadelte ihn seine Mutter. „Und was Deinen Vater angeht, er ist wie Du genau weißt schon lange auf eine gesunde, fleischlose Ernährung umgestiegen und macht regelmäßig Fitnessübungen. Das würde Dir, Willi, auch ganz gut tun!“ „Wer es glaubt wird selig“, murmelte Klößchen bei sich, „seinen Heimtrainer hat Papa noch nicht ein einziges Mal benutzt und nach dem Essen lässt er sich immer von Berta in der Küche durchfüttern“ „Sprich nicht mit vollem Mund, Willi“, ermahnte ihn sein Vater, „aber jetzt zur Sache: Du wist ab morgen eine strenge Diät machen, mein Sohn!“ Hermann Sauerlich holte einen großen braunen Umschlag aus der Tasche, dem er einige Zettel entnahm. Klößchen schluckte. „So, hier haben wir schon einmal einige Kalorientabellen, Nähwertangaben und Auflistungen der Speisen und Getränken, die Du in Zukunft meiden wirst. Dein Ernährungsberater wird draus einen umfassenden Diätplan erstellen“ „Mein Ernährungsberater?“ Jetzt war Klößchen wirklich erschrocken. „Jawohl, Willi, Du wirst einen Ernährungsberater bekommen, der strikt auf Deine Ernährung achten wird!“, erklärte ihm Erna Sauerlich. „Ach, und Willi“, fügte sie hinzu, „für Dienstag habe ich Dich im Fitnessstudio Muckimeyer angemeldet. Herr Muckimeyer wird für Dich einen Trainingsplan ausarbeiten, der Dir im Nu zu einer Traumfigur verhelfen wird. Du wirst Dort in Zukunft zweimal in der Woche nach der Schule trainieren. Dann purzeln die Pfunde nur so, Du wirst sehen!“ „Der Muckimeyer sollte mal lieber selbst trainieren“, meinte da ihr Sohn trocken, „der hat es nämlich dringend nötig. Er ist so fett wie eine Litfasssäule und futtert jeden Tag in der Konditorei gegenüber von unserer Schule mindestens drei Cremetorten. Habe ich selbst gesehen!“ „Kümmere Dich nicht um die Angelegenheiten anderer Leute, sondern gucke lieber mal auf Dich!“, ermahnte ihn seine Mutter mit einem strengen Unterton, der keinen Widerspruch duldete, „auf jeden Fall weißt Du jetzt Bescheid, Willi. Jetzt müssen wir nur noch einen Ernährungsberater für Dich finden“. Klößchen dachte kurz nach und hatte plötzlich eine Idee. „Mama, kann nicht Tim mein Ernährungsberater werden? Er ist doch ein Spitzensportler und ernährt sich immer gesund. Und er ist mein Freund. Bitte, bitte, sag Ja!“ Frau Sauerlich sah ihren Sohn streng an. „Ich weiß nicht ob Tim Zeit haben wird, Willi! Du weißt, er ist momentan sehr mit dem Projekt „Stadtstreicherfreie Altstadt“ beschäftigt. Aber Du kannst ihn ja morgen im Internat einmal höflich, hörst Du Willi, höflich, fragen, ob er es eventuell machen würde. Und jetzt geh bitte auf Dein Zimmer, es ist schon spät. Bei der Gelegenheit kannst Du gleich mal aufräumen. Deine Sachen liegen wieder kreuz und quer auf dem Boden verstreut. Man kann dort ja keinen Fuß mehr vor den anderen setzen!“ Klößchen stand wortlos auf und ging wie ihm geheißen in sein Zimmer hinauf. Verärgert warf er alles was sich auf dem Boden befand in den nächstbesten Schrank und ließ sich anschließend mit einem tiefen Seufzer auf sein Bett fallen. Ihm standen harten Zeiten bevor, da war sich Klößchen sicher. Eigentlich hatte er gar keine Lust mehr, weiter zu Hause zu bleiben. Er war ohnehin meistens nur an den Wochenenden dort und blieb in der Woche im Internat, da bei seinen Freunden viel mehr los war, wie er immer betonte. Vor allem wenn er und seine Freunde von TKKG wieder einmal einen spannenden Fall zu lösen hatten. Aber momentan tat sich in der Millionenstadt so gut wie gar nichts. Scheinbar machten alle Verbrecher gerade Urlaub. Klößchen stand auf, packte seine Schulsachen sowie noch einige Kleidungsstücke zusammen und ging wieder nach unten. Seinen Eltern erzählte er, dass er im Internat noch Hausaufgaben machen wolle und ließ sich anschließend von Georg, dem Chauffeur der Familie, ins Internat fahren.
2. Kalorien und Karate
Gut gelaunt öffnete Tim die Tür zum „Adlernest“, der Bude, die er im Internat gemeinsam mit Klößchen bewohnte. Es war ein erfolgreicher Tag gewesen. Das Projekt „Stadtstreicherfreie Altstadt“ war fast abgeschlossen. Tim packte den Karton mit den übrig gebliebenen Infobroschüren ins Regal, die konnte er morgen noch verteilen. Seinen Karateanzug legte er sauber zusammengefaltet zurück in den Schrank, auch dieser hatte bei dem Projekt eine wichtige Rolle gespielt. Erst jetzt bemerkte der TKKG Häuptling seinen Freund Klößchen, der zusammengekauert unten in ihrem Hochbett lag und keinen Ton von sich gab. „Hey, Willi, was ist denn mit Dir los? Hat man Dir Deine Schokolade geklaut?“ „So in etwa“, murrte Klößchen, „meine Eltern haben sich in den Kopf gesetzt, aus mir einen schlanken und kräftigen brennnesselsuppelöffelnden Vollidioten zu machen, damit ich diese blöde Schokoladenfabrik besser reräspentieren.... ähm... ich meine retäserinieren... ach zum Teufel, auf jeden Fall wollen sie mich auf Diät setzen. Ich soll ins Fitnessstudio und außerdem einen Ernährungsberater bekommen!“ Klößchen sah Tim treuherzig an. „Ach Tim, Du mein Häuptling und bester Freund auf Erden, willst Du nicht mein Ernährungsberater sein? Ach bitte, bitte!“ Tim strahlte über das ganze Gesicht. „Aber natürlich, Willi! Auf die Gelegenheit habe ich schon lange gewartet! Du kannst Dich sicher erinnern, dass ich letztes Jahr beim Gesundheitsamt ein Junior-Ernährungsberater Seminar mitgemacht habe. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, mein dort erworbenes Wissen in die Praxis umzusetzen. Na, dann wollen wir mal!“ Tim klatsche freudig in die Hände, während Klößchen noch überlegte, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, ihn zu fragen. „Haben Dir Deine Eltern schon irgendwelche Unterlagen mitgegeben?“, fragte der TKKG-Häuptling. Klößchen reichte ihm den Umschlag von seinem Vater. Tim blätterte interessiert die Zettel durch. „Ja, das ist schon alles ganz brauchbar“, lobte er, „ich habe auch noch einiges da, Moment!“ Tim öffnete seine Schreibtischschublade und holte einen ganzen Schwung an Unterlagen heraus. Klößchen schluckte erneut. Das konnte ja heiter werden. Tim kramte außerdem ein Maßband hervor. „So, Willi, stell Dich jetzt bitte einmal kerzengerade hin, damit ich Dich messen kann“ „Hä, wieso das denn?“ Klößchen sah seinen Freund fragend an. „Ist doch klar, Willi. Ich muss zunächst Größe und Gewicht von Dir ermitteln um anschließend ausrechnen zu können, wie viele Kalorien Du pro Tag zu Dir nehmen darfst“ „Ach so, sag das doch gleich. Also, ich bin 2,20m groß und wiege seit Jahren 40 Kilo!“ Tim schüttelte den Kopf. „Nein Willi, Du musst schon auch mitziehen, sonst bringt das nichts. Also los, stell Dich schon hin!“ Klößchen rollte sich aus dem Bett und stellte sich davor auf. Tim maß seine Größe und wollte anschließend auch noch Klößchens Bauchumfang messen, doch egal wo er das Maßband auch anlegte, es war immer viel zu kurz. Sein dicker Freund war dabei keine große Hilfe, er hüpfte auf der Stelle und fing stets an zu kichern sobald Tim mit dem Maßband kam. „Hihihi, das kitzelt, Tim!“ Dieser überlegte. Da fiel ihm etwas ein. „Ich habe doch noch mein Nylon Seil. Das müsste eigentlich lang genug sein!“ Der TKKG Häuptling holte das Seil aus dem Schrank, mit dem er früher nachts öfters aus dem Internat getürmt war. Das hatte ihm bereits einige Verweise eingebracht. Nachdem Klößchen sich eine Strickleiter zugelegt hatte, brauchte Tim das Seil nicht mehr. Verweise hatte es seitdem auch keine mehr gegeben, denn nachdem Tim in der Vergangenheit bereits einige Lehrer ins Gefängnis gebracht hatte, war das restliche Kollegium doch sehr vorsichtig geworden. Schließlich wollte jeder nur ungern der Nächste sein. Mit dem Seil gelang es Tim schließlich tatsächlich, Klößchens Bauchumfang zu vermessen. Nun musste dieser nur noch auf die Waage. Tim ging in die Nachbarbude „Ausnüchterungszelle“, um sich von Viktor Stegmann dessen elektronische Waage auszuleihen. Als er zurück kam, erwischte er Klößchen dabei wie dieser sich gerade ein Stück Schokolade in den Mund stecken wollte. Klößchen fuhr erschreckt auf und versteckte die Schokolade hinter seinem Kopfkissen, doch Tim hatte alles bemerkt. „Willi, ich sehe alles! Hol sofort die Schokolade aus ihrem Versteck und gib sie her!“ Sein dicker Freund tat wie ihm geheißen und bekam einen roten Kopf. Tim wickelte die Schokolade in ein Taschentuch und packte sie zu den anderen Tafeln in Klößchens Schokoladenkarton, der auf dessen Kleiderschrank stand. Anschließend stellte er die Waage auf. Insgesamt fünfmal musste er Klößchen wiegen, da dieser ständig behauptete, die Anzeige stimme nicht. Doch schließlich gab er sich geschlagen. Tim übertrug die Werte in eine Tabelle und begann anschließend angestrengt mit dem Taschenrechner herumzurechnen. Klößchen sah ihm dabei über die Schulter und verstand nur Bahnhof. „So, fertig!“, verkündete Tim nach einer Weile. „Also Willi, wir werden Deinen täglichen Kalorienverbrauch auf 100 Kalorien pro Tag senken!“ „OK, Häuptling, aber beantworte mir bitte noch eine Frage: Wie viele Kalorien sind in einer Tafel Schokolade, einer Tasse Kakao und einem Schoko-Eisbecher? Vielleicht sieben oder acht?“ „Das dürften so ungefähr 4000 sein, Willi“, antwortete Tim. Klößchen schluckte. Seine schlimmsten Befürchtungen waren sogar noch übertroffen worden. „Na gut, ich ergebe mich in mein Schicksal“, seufzte er. „He, Moment mal, Tim, was hast Du mit meinem Schokoladenvorrat vor?“ Tim hatte sich Klößchens Schokoladenkarton vom Schrank geschnappt und ging damit zur Tür. Sein dicker Freund stellte sich ihm in den Weg. „Wo willst Du damit hin?“ „Ich werde die Schokolade an einen sicheren Ort bringen, damit Du gar nicht erst in Versuchung kommst!“, bestimmte Tim. „Hast Du vielleicht noch anderswo Süßigkeiten versteckt? Rück lieber gleich damit raus, ich finde sie ja doch!“ „Na gut“, brummte Klößchen, „hast ja recht!“ Er zeigte dem TKKG Häuptling seine Geheimverstecke und dieser sammelte alles ein. Anschließend durchsuchte Tim noch einmal die gesamte Bude von Kopf bis Fuß, um wirklich sicher zu gehen, dass ihn sein Freund auch nicht beschummelte. Vertrauen war gut, Kontrolle allerdings besser, insbesondere wenn es um Willi und seine Naschereien ging. Zwei Schokoladentafeln fand Tim noch hinter der Heizung, diese waren inzwischen allerdings schon fast geschmolzen, ein Indiz dafür, dass Klößchen sie wohl längst vergessen hatte. Mit dem Schokoladenvorrat ging er anschließend nach unten zu Dr. Engelbrecht, Lehrer für Geschichte und Altgriechisch, der an diesem Tag der EvD (Erzieher vom Dienst) war. „Nanu, Tim“, wunderte dieser sich, „es ist schon spät. Ist was passiert?“ „Das kann man wohl sagen, Herr Doktor“, grinste Tim, „stellen Sie sich nur vor: Willi will eine Diät machen! Würden Sie wohl seinen Schokoladenvorrat im Panzerschrank einschließen, damit er nicht mehr heran kommt?“ „Sicher, Tim. Ach übrigens, wie läuft denn Euer Projekt Stadtstreicherfreie Altstadt?“ „Super, Herr Doktor! Das Projekt ist fast abgeschlossen. Aber wir hatten auch ein wirklich bombiges Team. Sieben Leute aus dem Judoverein, dazu noch 11 aus dem Karate Club und dazu haben uns noch einige Leute aus dem Tek-Van-Do Club in der Nachbarstadt unterstützt“ Tim runzelte die Stirn. „Na ja, so zwei bis drei Flecken gibt es noch, die noch nicht ganz sauber sind. Aber das kriegen die Anderen locker ohne mich hin. Da kann ich mich jetzt voll darauf konzentrieren, Willi zu einer Traumfigur zu verhelfen!“ Engelbrecht wünschte ihm viel Erfolg. „Den kann ich brauchen“, dachte sich Tim.
3. Stress im Fitness Studio
Tags darauf saßen die vier TKKG Freunde im Informatikraum der Schule, denn sie hatten eine wichtige Aufgabe übernommen. Die Homepage (Internetseite) der Internatsschule sollte neu gestaltet werden. Früher hatte es dafür eine Informatik AG (Arbeitsgemeinschaft) gegeben, doch nachdem TKKG seinerzeit herausgefunden hatten, dass die Hälfte der Mitglieder schon einmal eine Zigarette geraucht hatten, waren diese von der Schule verwiesen worden. Der Rest hatte dann keine Lust mehr gehabt, weiterzumachen. Ehrensache, dass die TKKG Freunde nun einsprangen. Karl war für das Layout (Gestaltung) der Seite zuständig, während Gaby damit beschäftigt war, Fotos von allen Klassen und Anlagen der Internatsschule zu schießen. Gerade schnitt sie einige Fotos zurecht, um diese hinterher unter den Scanner legen zu können. Klößchen sollte ihr eigentlich dabei helfen, doch das dicke TKKG Mitglied spielte wieder einmal lieber Tetris an seinem Rechner. Doch schließlich half er ihr doch.
Tim betrat den Raum und gab seiner Freundin erst einmal einen Begrüßungsbussi. „Na, wie weit seid ihr?“, wollte er wissen. Karl räusperte sich. „Nun, Tim, das Layout steht soweit. Wir müssen nur noch die restlichen Fotos einbinden und Deine Texte dazu packen.“ „Wunderbar, Karl“, lobte Tim, „hier hast Du meine Texte“. Tim holte eine Diskette aus seinem Rucksack und reichte sie Karl. „Klasse, Häuptling! Nun, ich denke, wenn ich Gaby ein wenig bei den Fotos helfe, könnten wir sogar heute noch fertig werden. Dann kann die Seite theoretisch schon morgen ins Netz!“ „Genauso machen wir es“, stimmte Tim zu. „Willi, bist Du fertig? Wir wollen doch jetzt ins Fitness Studio!“ „Och, muss das denn wirklich sein“, stöhnte Klößchen, „ich habe doch gestern schon genug gelitten! Tu mir das bitte nicht an, Tim!“ „Kein Wenn und Aber, Willi, los, komm jetzt!“ Tim war unerbittlich. Karl und Gaby sahen ihren Freunden belustigt hinterher, als diese den Raum verließen. „Na, ob das wirklich was wird?“, fragte Gaby. „Das wird sich herausstellen“, meinte Karl, „so, jetzt lass uns mal gucken wie die Fotos geworden sind.“
*
In Hans Muckimeyers Fitness Studio war an diesem Tag eine Menge los. Viele Leute nutzten die Gelegenheit, sich nach der Arbeit noch ein wenig in Form zu bringen. Tim bewunderte gerade die moderne Ausstattung des Studios. Die Fitnessgeräte waren wirklich erstklassig, befand der TKKG Häuptling. Er sah hinüber zu Klößchen, der weniger begeistert schien. Gerade hopste er über ein Springseil und verhedderte sich dabei fast. Muckimeyer hatte gemeint, Klößchen solle erst einmal einige Lockerungsübungen machen, bevor es an die Geräte ging. „Das macht so keinen Spaß, Tim“, beschwerte sich der, „können wir nicht was Anderes machen?“ „OK, Willi“, stimmte dieser zu, „fangen wir einfach mit einfachem Hanteltraining an. Hier, nimm mal diese Hantel hier. Klößchen hob die Hantel hoch. „Mensch, die ist ja federleicht! Juhu, ich bin Superman höchstpersönlich!“ „Die Hantel wiegt ja auch nur 500 Gramm, Willi“, erklärte ihm Tim, so, ich zeige Dir jetzt was Du damit machen sollst“. Nachdem er seinem Freund einige Übungen gezeigt hatte, setzte sich Tim zu Hans Muckimeyer an die Bar um noch einige Fachsimpeleien über Fitnessgeräte und Trainingsmethoden auszutauschen. Aus der Ferne beobachteten sie vier Südtiroler, die immer wieder verstohlen in Klößchens Richtung sahen. Einer von ihnen kam auf ihn zu. „Na, wollen wir groß und stark werden?“ fragte der Südtiroler. „Ich weiß nicht was sie werden wollen, aber ich soll diese Übungen machen“, keuchte Klößchen. „Bist ja ein richtiger Witzbold, Kleiner!“ Der Südtiroler lachte hämisch auf. „Aber wenn Du wirklich Muckis kriegen willst, dann musst Du schon ein paar richtige Gewichte nehmen. Hier, versuch mal dieses hier!“ Er reichte Klößchen ein Gewicht, das fast so groß war wie Klößchen selbst. Klößchen versuchte es hochzustemmen, doch es war viel zu schwer. Mit einem lauten Bums ließ er es fallen. Die Südtiroler lachten laut auf. „Was soll das denn“, polterte Klößchen, „ihr kommt Euch wohl total südtirolisch cool vor oder was? Na wartet!“ Das dicke TKKG Mitglied schnappte sich eine der Hanteln und warf sie in Richtung des Südtirolers, der ihm so übel mitgespielt hatte. Dieser wich jedoch geschickt aus und stattdessen fiel die Hantel einem seiner südtirolischen Freunde direkt auf den Fuß. Der schrie auf und wollte sich auf Klößchen stürzen, doch in diesem Moment sprang ihn Tim von hinten an und beförderte ihn mit einem Judowurf zu Boden. Der Südtiroler, der Klößchen das Gewicht gegeben hatte, eilte seinem Freund zur Hilfe, doch im Nu war Hans Muckimeyer zur Stelle und brachte ihn mit einem Schlag in die Magengrube zu Fall. „Gut gemacht, Herr Muckimeyer!“, lobte ihn Tim, „wollen Sie nicht in unseren Judoclub eintreten?“ Doch bevor Muckimeyer etwas antworten konnte, hörten die beiden ein klagvolles Jammern und Stöhnen hinter sich. Entsetzt fuhren sie herum. Klößchen lag am Boden und krümmte sich vor Schmerzen. „Willi! Haben Dich etwa die beiden anderen südtirolischen Mistkäfer verprügelt?“, rief Tim. „Nein, die haben doch längst alle das Weite gesucht“, antwortete Klößchen schmerzverzehrt und richtete sich langsam wieder auf. „Aber ich bin über diese blöden Hanteln gestolpert und jetzt tut mir alles weh!“ „Ich werde Dir etwas Eis bringen“, sagte Muckimeyer und verschwand hinter der Bar. „Am besten Schokoladen Eis!“, rief ihm Klößchen noch hinterher, doch Muckimeyer hörte ihn nicht mehr.
Nachdem Klößchen seine Prellungen etwas gekühlt hatte, durfte er sich einen Wildkräutercocktail genehmigen. „Der hat nur 0,2 Kalorien, Willi“, stellte Tim fachmännisch fest. „Genauso schmeckt er auch!“, fand Klößchen, „Ach Tim, ich möchte nach Hause!“ „Werdet ihr diese Südtiroler anzeigen?“, fragte Muckimeyer. Tim schüttelte den Kopf. „Dabei würde nichts heraus kommen. Aber ich werde unsere südtirolischen Mitbürger in Zukunft ganz genau im Auge behalten. Wenn sie Willi noch einmal so heimtückisch angreifen werde ich sie bis nach Bozen (Stadt in Südtirol) schießen!“
4. In der Pausenhalle
Tag darauf stand der TKKG Häuptling in der Pausenhalle und beobachtete dort das Treiben seiner Mitschüler. An der Milchausgabe entdeckte er ein bekanntes Gesicht, nämlich Ulrich aus der 9a, jener Klasse, die ihrer Lehrerin Frau Müller-Borello, auch „Mübo“ genannt, vor geraumer Zeit so übel mitgespielt hatte, dass TKKG eingreifen mussten. Ulrich kaufte sich eine Milch und zwei Schokoriegel. Tim überlegte kurz, ging dann auf Ulrich zu, der gerade in einem Seitengang verschwinden wollte und packte ihn am Arm. „Hallo Ulrich!“ Ulrich fuhr erschreckt herum und blickte in die unentwegte Miene des TKKG Häuplings. Tim bemerkte wie sich auf Ulrichs Gesicht Schweißperlen bildeten und seine Brillengläser beschlugen, so wie er es schon öfters bei Karl gesehen hatte. Dann formte sich sein Mund zu einem verschwitzten Lächeln. „Oh, Hallo Tim! Ich habe Dich gar nicht kommen sehen” „Na, Ulrich, wie läuft es denn so?“ wollte Tim wissen. „Ach, ganz gut, Tim. Kann nicht klagen“ „Und die 9a? Benehmt ihr Euch auch alle anständig?“ „Ehrensache, Tim! Du hast uns wirklich ganz schön die Augen geöffnet. Wir werden nie wieder einem Lehrer etwas Böses tun. Kannst Dich drauf verlassen!“ Tim runzelte die Stirn. So ganz überzeugt war er noch nicht. „Was ist mit Bettger und Drechsel?“ fragte er sicherheitshalber. Ulrich überlegte kurz. „Och die. Die fallen eigentlich gar nicht mehr sonderlich auf und sind ganz ruhige Typen geworden. Der Bettger hat sogar letztens einer 90-jährigen Oma über die Straße geholfen!“ „Sie treffen sich nicht mehr mit irgendwelchen Rockern?“ „Nein, Tim. King sitzt doch immer noch im Knast“ Tim überlegte. Es stimmte was Ulrich sagte. King Seibold, der gefährliche Rocker, mit dem sich Bettger und Drechsel seinerzeit herum getrieben hatten und der nicht nur die arme Mübo terrorisiert sondern was noch viel schlimmer war ihm sein Rennrad gestohlen hatte, müsste noch einige Jahre Gefängnis vor sich haben. „Kann ich jetzt gehen?“ Ulrich blickte Tim fragend an. „Moment noch, Ulrich. Ihr habt doch hoffentlich daran gedacht, jede Woche 10% Eures Taschengeldes an die Stiftung für alleinstehende rockergeschädigte Internatslehrerinnen zu spenden?“ „Oh, aber natürlich Tim. Hier sind die Quittungsbelege!“ Ulrich kramte ein Bündel Papier aus seiner Jackentasche und reichte es dem TKKG Häuptling. Der blätterte die Belege kurz durch und kam zu dem Schluss, dass alles seine Richtigkeit hatte. „OK, Ulrich“, sagte er, während er ihm die Belege zurück gab, „Du kannst jetzt in den Unterricht gehen. Ach ja, ehe ich es vergesse: Ich möchte mir morgen mal wieder Eure Hefte ansehen. Sorge doch bitte dafür, dass sie eingesammelt und in mein Fach im Lehrerzimmer gelegt werden, sei so gut!“ „Wird gemacht, Tim!“ Tim hatte seit geraumer Zeit sein eigenes Fach im Lehrerzimmer, in dem er wichtige Unterlagen aufbewahrte. So musste er nicht immer erst ins Adlernest laufen wenn er irgendetwas davon benötigte. Schuldirektor Dr. Freund hatte das Fach zum Dank für ihn einrichten lassen, nachdem Tim letzten Sommer herausgefunden hatte, dass einige Lehrer nicht in die Kaffeekasse eingezahlt, aber trotzdem Kaffee getrunken hatten. „Gut, Ulrich, das war alles!“ Ulrich nickte und verschwand. Tim überlegte. Wenn er morgen die Hefte der 9a durchgehen wollte, wäre es ratsam, heute noch seine fehlenden Texte für die Internetseite fertig zu stellen. Am Wochenende wollten die TKKG Freunde die Seite endlich ins Netz bringen bzw. „uploaden“ wie Karl sagte. Eigentlich hatte er nachher noch Judotraining, aber das konnte heute auch einmal ausfallen. Die Pausenglocke läutete und Tim begab sich zurück in den Unterricht.
5. Ein mysteriöser Gästebucheintrag
Am späten Sonntag Abend war es dann endlich soweit. Die neue Internet Seite war online (im Internet zugänglich). Stolz führte Karl seine TKKG Freunde durch die einzelnen Bereiche der Seite und alle waren begeistert. „Das sieht wundervoll aus, Karl!“, schwärmte Gaby. „Ja, wirklich gute Arbeit“, fand auch Tim. „Willi, was sagst Du dazu?“ „Wirklich prima! Lasst uns gleich einen Aufruf auf der Seite starten, dass es für alle Schüler in den Pausen Gratis-Kakao gibt! Oder noch besser Gratis-Schokolade, hahaha!“ „Willi! Das will ich nicht gehört haben!“, ermahnte ihn Tim, „Du bist schließlich immer noch auf Diät!“ „Jetzt schmeiß ich erst mal eine Runde, damit wir anstoßen können!“, meinte Karl gönnerhaft. Er öffnete seine Schultasche und holte einige Dosen Cola hervor. „Hier, Tim, fang!“ Gekonnt fing der TKKG Häuptling die Dose auf und auch Gaby bekam eine. Klößchen kam herbei gewatschelt, doch Tim hielt ihn zurück. „Nein, keine Cola für Dich, Willi, die macht nur dick. Hier, nimm das!“ Er reichte seinem dicken Freund ein Fläschchen mit einer grünlichen Flüssigkeit darin. „Das ist frischgepresster Sauerampfersaft, Willi! Sehr schmackhaft und vor allem gesund!“ „Wieso trinkst Du ihn dann nicht?“, wollte Klößchen wissen. „Ich trinke davon drei Flaschen pro Tag. Das gibt mir die nötige Energie!“, erklärte ihm Tim. Die vier Freunde stießen an, obwohl Klößchen die ganze Zeit über moserte, dass ihm der Sauerampfersaft überhaupt nicht schmecke und auch keine Energie gäbe. Derweil durchforstete Karl nochmals alle Bereiche der neuen Homepage, um sicherzustellen, dass sie auch nichts vergessen hatten. Plötzlich hielt er inne. „Freunde, das ist merkwürdig!“ „Was ist denn, Karl?“, fragte Gaby. „Eigenartig“, meinte der, „die Seite ist erst seit ein paar Minuten online. Und trotzdem hat schon irgendjemand etwas in unser Gästebuch geschrieben!“ „Hm, das ist wirklich etwas seltsam“, stimmte Tim zu, „aber vielleicht kannte jemand noch die Seite von früher?“ Karl nickte. „Klar, der URL ist der gleiche geblieben. Du könntest wirklich recht haben, Häuptling“ „Der UR-was?“, fragte Klößchen. „URL. Das ist die Abkürzung für Uniform Resource Locator. So bezeichnet man die Adressen im Internet“, erklärte Karl. „Ach so. Lass mich mal sehen, was da steht!“ Klößchen pflanzte sich vor den Rechner und las laut vor: „Da steht: Nächste Woche, am 7. Mai, wird in der Internatsschule eine Bombe hochgehen! Gezeichnet, Der King. Hm, also nichts Besonderes. Nur, dass nächste Woche...“ Klößchen stockte. „Eine Bombe? Eine Bombe! Hilfe, eine Bombe!“ Im nächsten Moment sprang Klößchen auf und rannte wie vor der Tarantel gestochen aus dem Zimmer. „Eine Bombe, eine Bombe“ schrie er immerzu. „Willi! Warte!“, rief ihm Tim hinterher. Doch Klößchen hört ihn nicht mehr. Tim brauchte einen Moment um sich zu sammeln, doch dann wusste er genau was zu tun war. „Karl, Du bringst Gaby nach Hause! Ich werde zusehen, dass ich Willi finde. Ich hoffe nur, er hat nicht schon das ganze Internat mit seinem Geschrei aufgeweckt! Wir sehen uns dann morgen“ Tim gab Gaby einen raschen Abschiedsbussi und rannte dann auf dem schnellsten Weg ins Adlernest. Wenn sich Willi irgendwo versteckte, dann wohl am ehesten hier. Und er behielt recht. Deutlich war zu erkennen, dass sich Klößchen unter der Bettdecke versteckte und am ganzen Körper zitterte. Das Bett bebte förmlich, als wäre es ein Schiff in einem tosenden Sturm. Tim zog die Decke weg. „Willi?“ „Die Bombe!“, brüllte Klößchen und sprang auf. Tim packte ihn am Kragen. „Willi! Bleib ganz ruhig!“ „Ach, Tim, Du bist es“ Sein dicker Freund wirkte erleichtert. „Kannst Du mir mal erklären, was Du hier unter der Bettdecke suchst?“, fragte ihn Tim. „Na ja, ich dachte, wenn ich unter der Decke stecke, trifft mich die Bombe nicht so leicht!“ Tim fasste sich an den Kopf. „Mensch, Willi! Wenn hier tatsächlich eine Bombe hochgehen soll, dann ist die sicher längst irgendwo deponiert. Los, komm mit!“ „Wo gehen wir denn hin?“, fragte Klößchen. „Dumme Frage, natürlich die Bombe suchen! Oder besser gesagt den Bombenleger!“ „Ohne mich! Ich gehe einen Millimeter weit!“ „Los, komm jetzt!“ Der TKKG-Häuptling packte seinen Freund am Arm und schleifte ihn aus ihrer Bude heraus auf den Gang.
*
Tim und Klößchen gingen die Treppe hinunter. „Aber Karl sagt, Bomben können explodieren“, jammerte Klößchen. „ich glaube nicht, dass mir das gefallen würde! Was wird dann aus meiner Schokolade, die fühlt sich einsam ohne mich!“ „Schwing jetzt keine großen Reden, Willi, dafür haben wir keine Zeit!“, drängte Tim. „Was hast Du eigentlich vor, Häuptling?“, wollte Klößchen wissen. „Ich habe da so einen Verdacht, Willi. Als ich vorgestern die Hefte der 9a durchgesehen habe, ist mir dabei etwas aufgefallen. Komm, wir müssen dort drüben die Treppe rauf“ „Sollten wir nicht besser Kommissar Glockner oder Direktor Freund alles erzählen?“, schlug Klößchen vor. „Das können wir morgen erledigen, Willi. Los, hier entlang!“, drängelte Tim. Schließlich waren die beiden an einer Tür angelangt. „Bude Schlupfloch“ stand daran. Tim klopfte. Man hörte Schritte und im nächsten Moment öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein verschlafenes Gesicht mit rotblondem Lockenkopf lugte hervor. „Was gibt’s denn? Ach, Du bist es, Tim! Kommt herein!“ Der Lockenkopf ließ die beiden TKKG Freunde herein. „Willi, das ist Martin. Martin, das ist Willi“, stellte Tim die beiden vor. Dann ging er herüber zu einem Schreibtisch, auf dem auch ein PC stand. Doch Tim interessierte sich für etwas anderes. Mehrere Schulhefte lagen auf dem Tisch. Er nahm eines davon, schlug es auf und zeigte Klößchen die Seite. „Na, Willi, was siehst Du hier am Rand?“ Klößchen runzelte die Stirn. „Da steht: Ausdrucksfehler. Habe ich auch oft in meinen Aufsätzen“ „Nein, Willi, das meine ich doch nicht. Sondern das was hier unten mit schwarzer Tinte gezeichnet ist“ Klößchen sah genauer hin und stutzte. „Mensch, das sieht ja aus wie eine Bombe, Tim!“ „Exakt Willi. Und jetzt will ich Dir noch etwas zeigen. Schau mal hier. Tim klappte das Heft zu und deutete auf den Umschlag. Was steht hier, Willi?“ „Klasse 9a!“ „Und darunter?“ “Martin... Seibold! Seibold? Hm, komisch, der Name kommt mir bekannt vor!“ Klößchen dachte angestrengt nach. Tim half seinem dicken Freund ein wenig auf die Sprünge „Natürlich kommt Dir der Name bekannt vor, Willi. Seibold ist Kings Nachname! Du erinnerst Dich doch an King, den Rocker, den wir damals dingfest gemacht haben?“ „Na klar! Mensch, glaubst Du, der hat in unser Gästebuch geschrieben?“ Tim schüttelte den Kopf. „Nein, der sitzt immer noch im Gefängnis. Aber vielleicht war es... sein Bruder!“ Tim deutete mit dem Zeigefinger auf Martin, der zusammengekauert auf dem Bett saß und im selben Moment in sich zusammen sackte. Tim blickte Martin streng an. „Also?“ Mit einem tiefen Seufzer richtete sich Martin Seibold wieder auf. “OK, ihr habt gewonnen! Ja, es stimmt, ich bin der Bruder von King Seibold! Jetzt ist es endlich raus!“ „Warum hast Du uns das verschwiegen?“, fragte Klößchen. „Ruhe, Willi, ich stelle hier die Fragen!“, bestimmte Tim. „Also Martin, warum hast Du uns das verschwiegen?“ „Ich wollte nicht, dass man überall mit dem Finger auf mich zeigt und in mir nur den Bruder eines Verbrechers sieht. Ich schäme mich dafür, was King getan hat! Ich bin nicht wie er, ich bin kein Verbrecher!“ „Warum malst Du dann Bomben in Dein Heft?“, fragte ihn Tim. „Ach die. Ich will mal Comiczeichner werden. Aber mit einigen Zeichnungen habe ich noch echte Schwierigkeiten. Deshalb übe ich heimlich im Unterricht“ Tim ging forsch auf Martin zu. „Sag mal, Martin, Dein PC da drüben, der ist nicht zufällig mit dem Internet verbunden?“ Martin schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe das Modem vor einigen Tagen ausgebaut und an Klaus Schindler aus der 8a verkauft. Der PC funktioniert nämlich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Keine Ahnung weshalb“ Klößchen ging zu dem PC und drückte auf dem Einschaltknopf herum. „Nichts. Der PC funktioniert tatsächlich nicht, Tim“ Tim überlegte. So genau kannte er sich mit PCs nicht aus. Das war eher Karls Spezialgebiet und dieser war leider kein Internatsschüler sondern ein sogenannter „Externer“, der bei seinen Eltern wohnte. Also konnte Karl ihnen im Moment nicht helfen. „Gut, Martin“, sagte er, „das war erst mal alles. Ich werde morgen mal Karl Vierstein bitten, sich Deinen PC genauer anzusehen. Vielleicht kann er ihn reparieren“ „Das wäre echt super, Tim! Danke und gute Nacht!“ Tim und Klößchen verabschiedeten sich von Martin und gingen wieder zurück in ihre Bude. „Warum willst Du denn, dass Karl sich Martins PC ansieht?“, fragte Klößchen. „Na, ganz einfach Willi. Auf diese Weise kann Karl feststellen, ob uns der gute Martin tatsächlich die Wahrheit gesagt hat. Möglich ja, dass er den PC nur manipuliert hat, damit wir nicht rausfinden, dass er tatsächlich damit im Internet gewesen ist. Aber jetzt gehen wir erst mal schlafen!“ „Ist gut“, gähnte Klößchen, „eine Bombendrohung reicht für heute!“ Und im nächsten Moment war er friedlich eingeschlummert.
6. Kein Höflichkeitsbesuch
Am nächsten Tag warteten Tim, Klößchen und Gaby ungeduldig vor der Internatsschule auf Karl, der nach dem Unterricht zu Martin Seibold gegangen war, um sich dessen PC anzusehen. Endlich kehrte Karl zurück. „Was hast Du uns zu berichten, Karl?“, fragte Tim. Karl rückte sich seine Brille zurecht. „Tja, Häuptling, der PC war tatsächlich hin. Es war ein Kabel durchgeschmort. Ich habe es ersetzt. Der Schaden ist allerdings bereits vor mindestens vier Wochen passiert“ Tim seufzte. „Damit scheidet Martin Seibold als Täter aus. Schade, es hätte alles so gut zusammengepasst“ Karl legte sein Gesicht in Denkfalten. Man sah, dass der Computer, wie seine Freunde ihn auch nannten, angestrengt nachdachte. „Ich frage mich, wieso unser Bombenleger seine Drohung ausgerechnet mit „Der King“ unterschrieben hat?“, grübelte er. „Ich meine, wieso hat er sich nicht einfach „Der Bombenleger“ oder „Der große Unbekannte“ geschrieben? Das will mir einfach nicht in den Kopf“ „Vielleicht ist der Typ Elvis Fan?“, kombinierte Klößchen. Tim schüttelte den Kopf. „Nein, Willi. Ich glaube, oft ist die einfachste Lösung am Ende doch die richtige Spur“ „Du meinst, King Seibold hat was damit zu tun?“, fragte Gaby. „Ganz genau, Pfote. Wir wollen doch mal überprüfen, ob King nicht im Gefängnis doch Zugang zum Internet hat. Und ich weiß auch schon genau, wer uns diese Frage beantworten kann. Los, holt die Fahrräder!“
Die Kids radelten durch die Zubringer Straße, überquerten die Hauptstraße und bogen schließlich in einen holperigen Seitenweg ein, der bis vor ein Einfamilienhaus führte. Die Vier stiegen ab und Tim ging in Richtung der Eingangstür. „Mensch, hier wohnt doch der Bettger!“, fiel es Karl ein. „Ganz genau, Karl. Wir werden ihn mal ein wenig aushorchen. Bin doch mal gespannt, was der uns so zu erzählen hat!“ Tim grinste und drückte auf die Klingel. Ein kleinere, rundliche Frau öffnete ihnen. „Guten Tag, Frau Bettger!“, grüßte Tim höflich, „ist ihr Sohn zufällig zu Hause?“ „Du bist doch dieser Tarzan“, näselte die Alte, „der meinen armen Jungen in Schwierigkeiten gebracht hat! Was willst Du von ihm? Prügel ihn bloß nicht wieder krankenhausreif!“ Tim ging forsch auf sie zu. „Ich möchte mich nur kurz mit ihm unterhalten! Sie gestatten?“ Der TKKG Häuptling zwängte sich an ihr vorbei und signalisierte seinen Freunden mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Frau Bettger schloss die Haustür hinter ihnen und wusste offenbar nicht so recht, was sie vor all dem halten sollte. Von der Diele aus führte eine Treppe nach oben. Von dort war laute Rockmusik zu hören. Bestimmt befand sich Bettgers Zimmer irgendwo im ersten Stock. Frau Bettger verschwand in der Küche. „Ach übrigens, ich heiße nicht mehr Tarzan!“, rief Tim ihr noch hinterher. Die TKKG Freunde stiefelten die Treppe herauf bis zu der Tür, von wo aus die Musik gekommen war. Karl klopfte an. Die Musik verstummte und im nächsten Moment öffnete ihnen Bettger die Tür. Er schien nicht sonderlich überrascht zu sein, die Vier zu sehen, was Tim wiederum sehr verwunderte. „Kommt rein, nehmt Platz“, murmelte Bettger. Die TKKG Freunde folgten ihm in sein Zimmer, das wie Tim sofort auffiel, noch unaufgeräumter als Klößchens war. Der TKKG Häuptling ging zum Fenster und sah hinaus. Von hier aus hatte man einen guten Blick nach draußen in den Garten. Dort hängte Bettgers Mutter gerade Wäsche auf. Auf der Fensterbank standen außerdem einige Bierdosen, in denen teilweise Aschereste herum schwammen wie Tim angeekelt feststellte. Bettger schnappte sich eine der Dosen und nahm einen kräftigen Schluck. Danach stellte er die Dose mit einem Bums auf den Tisch und blickte Tim scharf an. „Also Carsten, lassen wir die Förmlichkeiten. Sag an was ihr von mir wollt!“ Tim zuckte mit den Schultern. „Gut, Bettger, wenn Du es genau wissen willst, wir wollen mit Dir über King reden. Wann hast Du ihn das letzte mal besucht?“ „Vor etwa drei Wochen“, erwiderte Bettger gelangweilt. „Und?“, hakte Tim nach „Und was?“ „Ist Dir an ihm irgendetwas merkwürdiges aufgefallen?“ „Ja, er sieht ohne seinen Stahlhelm auf dem Kopf ziemlich komisch aus. Und die Haare hat er sich kurz geschnitten!“ Bettger lachte auf. „Das sieht vielleicht aus!“ Tim beschloss, endlich auf den Punkt zu kommen. „Hat King Dir gegenüber irgendetwas von einem PC oder einem Internetanschluss erwähnt?“ „Nein. Die haben auch gar keine PCs da. Das heißt, die Typen in der Verwaltung vielleicht schon, kann ja sein. Aber die Häftlinge haben keine. Nicht mal Handys sind dort zugelassen. Alles was sie haben ist ein kleiner Fernseher im Aufenthaltsraum und der hat nicht mal einen Kabelanschluss!“ Bettger baute sich energisch vor Tim auf. „Also vergiss das mit King mal ganz schnell, Carsten! Der ist nicht Euer Bombenleger!“ Tim fuhr herum. „Wer hat etwas von einem Bombenleger gesagt?“ „Niemand, aber ich bin nicht blöd, Carsten! Wir waren gestern im Informatikunterricht im Internet und da habe ich die Drohung im Gästebuch gelesen. Die ganze Schule weiß inzwischen davon. Aber das brauche ich Dir wohl nicht zu erzählen. Wie dem auch sei, ich kann Euch nicht weiterhelfen. Also geht jetzt bitte!“ Tim wurde langsam misstrauisch. Verheimlichte ihm Bettger etwa etwas? „Warum so unfreundlich, Bettger?“, fragte er. „Hör zu, Carsten“, entgegnete Bettger sichtlich verärgert, „ich gebe zu, ich habe damals zusammen mit Drechsel und King einen ganz schönen Bockmist verzapft. King und Borello, der uns damals den Auftrag gab, seine Alte zu terrorisieren, sitzen beide, Drechsel und ich haben unsere Sozialstunden abgeleistet. Ob’s Dir gefällt oder nicht, für mich ist die Sache erledigt. Ich denke, ich schulde weder Dir noch Deinen TKKG Freunden noch irgendetwas!“ „Ach, und Tim“, fügte er hinzu, „ich habe inzwischen selbst einige Judostunden genommen. Nur so zur Info!“ Tim wich unweigerlich einen Schritt zurück. Bei Anfängern konnte man nie wissen, die waren manchmal imstande, sogar einen Meister zu besiegen. Die TKKG-Freunde verabschiedeten sich hastig und machten sich auf den Heimweg. Es war ohnehin schon spät geworden. Bettger sah ihnen vom Fenster aus hinterher und war sichtlich froh, die Vier fürs erste los zu sein.
7. Um Mitternacht auf dem Schulgelände
Noch am selben Abend brütete Tim im Adlernest über einigen Kriminalmagazinen, während sich Klößchen gerade die Zähne putzte. Die TKKG Freunde waren nach ihrem Besuch bei Bettger noch kurz im Polizeipräsidium bei Kommissar Glockner gewesen. Doch dieser hatte ihnen nicht viel Neues erzählen können. Schuldirektor Dr. Freund war davon überzeugt, dass es sich bei dem Ganzen nur um einen harmlosen Schülerstreich handelte. Trotzdem wollte der Kommissar auf Nummer sicher gehen und am nächsten Tag ein Spezialistenteam vorbei schicken. Tim dachte nach. „Willi, wie findet man einen Bombenleger?“, fragte er Klößchen, der gerade mit einem Handtuch über der Schulter aus dem Bad gestapft kam. Klößchen überlegte. „Hm, eine gute Frage. Aber ich mache mir eher Sorgen um die Bombe. Was wenn die Polizei sie nicht findet?“ Tim schlug sich vor den Kopf. „Natürlich! Die Bombe! Dass ich darauf nicht früher gekommen bin!“ „Hä? Worauf denn?“, wunderte sich Klößchen. „Mensch, die Bombe, Willi! Verstehst Du nicht? Wenn wir die Bombe finden, dann führt uns die vielleicht zu ihrem Erbauer!“ Klößchen schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Nein, und nochmals Nein, Tim! Ohne mich! Bomben sind gefährlich! Außer natürlich es handelt sich um Eisbomben!“ Doch Tim war fest entschlossen. „Willi, wir suchen jetzt die Bombe! Los, zieh Dich an! Und zwar möglichst was Dunkles. Vielleicht werden wir auch draußen suchen müssen, da muss uns nicht unbedingt jemand sehen. Los, Beeilung!“ Der TKKG Häuptling hatte es plötzlich sehr eilig. Nicht auszudenken was passieren könnte wenn die Bombe in die Hände von ahnungslosen Schülern geriete oder womöglich doch früher als angekündigt explodieren würde. Tim zog sich hastig seinen schwarzen Pullover über, doch sein Freund wirkte noch unschlüssig. „Willi, was ist denn noch?“ Klößchen baute sich vor seinem Freund und Anführer auf und verschränkte die Arme. Tim ahnte schon was jetzt kommen sollte. „Na schön, ich gehe mit, aber nur unter einer Bedingung!“ „Und die wäre?“ „Ich bekomme morgen Käsebrote und Kakao zum Frühstück!“ „Das ist Erpressung, Willi!“ „Nenn es wie Du willst, ich mache sonst nicht mit!“ Klößchen blieb stur. „Na schön“, gab sich Tim schließlich geschlagen, „einverstanden! Aber jetzt komm!“
*
Es war exakt 23:23 Uhr, als Tim und Klößchen gemeinsam mit Hausmeister Mangold und Martin Seibold die Anlagen der Internatsschule durchstreiften. In den Gebäuden hatten sie nichts entdeckt, abgesehen von einigen Schülern, die heimlich auf der Toilette geraucht hatten sowie einer angebrochenen Flasche Apfelwein in der Bude von Samuel Suffner aus der 8b, die Tim sogleich konfisziert (beschlagnahmt) hatte. Nun durchstreiften die Vier die Grünflächen, die rings um die Internatsschule verteilt lagen. Martin Seibold hatte einen Metalldetektor organisiert, der früher seinem Bruder gehört hatte. King hatte diesen dazu benutzt, um damit Münzen aufzuspüren, die alten Damen im Supermarkt versehentlich aus dem Portmanie gefallen waren, was wie Tim bemerkte ihm damals schon mindestens dreimal lebenslänglich hätte einbringen müssen. Jetzt tastete Martin mit dem Detektor jeden Zentimeter des Bodens ab, während Mangold mit seiner Stablampe für das nötige Licht sorgte. Doch egal wo Martin auch suchte, der Detektor brummte nur und schlug einfach nicht aus. „Das gibt es doch nicht!“, fluchte der TKKG-Häuptling nach einiger Zeit, „jetzt suchen wir bereits geschlagene 23 Minuten und 23 Sekunden. irgendwo muss diese Höllenmaschine doch sein!“ Doch plötzlich horchte er auf. In den Büschen hinter ihnen bewegte sich etwas. Zweige knackten und im nächsten Moment ragte etwas rotes, kugelförmiges zwischen den Büschen hervor. „Die Bombe!“, erfuhr es Tim. „Los, bleibt dicht hinter mir!“ Der TKKG-Häuptling pirschte sich vorsichtig an die Büsche heran und packte im nächsten Moment blitzschnell zu. Man hörte einen schrillen Schrei und im nächsten Moment kippte Tim um. Mangold und Martin kamen herbei geeilt. „Um Gottes Willen, die Bombe hat Tim getroffen!“, schrie Martin. Mangold beleuchtete die Stelle mit seiner Stablampe. „Das ist aber eine sehr große Bombe“, fand er, „irgendwie sind die komisch aus. Moment mal, das ist keine Bombe! Das ist ja... Willi!“ Tatsächlich lag dort Klößchen und hatte Tim unter sich begraben. Das rote Etwas entpuppte sich bei näherem Hinsehen als eine rote, kugelförmige Wollmütze, die Klößchen auf dem Kopf trug. Beide kamen wieder zu sich. „Mensch Willi! Warum trägst Du nur diese verflixte Wollmütze? Ich hätte dich beinahe für die Bombe gehalten!“, ärgerte sich Tim. „Mir war einfach kalt!“, jammerte sein Freund. „Kalt? Es sind tropische 4 Grad plus hier draußen! Ich schwitze fast!“ Tim war fassungslos. „Machen wir Schluss für heute“, meinte er schließlich, „wir finden hier ja doch nichts mehr.“ Mit einem Mal fühlte sich der TKKG Häuptling unglaublich müde. „Tja, es ist schon seltsam“, sagte Mangold, „genau wie damals, da haben wir auch nichts gefunden“ Plötzlich war Tim wieder hellwach. „Damals? Sie meinen, es hat schon einmal so eine Bombendrohung gegeben?“ Mangold zuckte mit den Schultern. „Das muss so vor ungefähr 10 Jahren gewesen sein. Ich kann mich an Einzelheiten nicht mehr so genau erinnern, aber ich weiß noch, dass eines Tages am Lehrerzimmer ein Zettel hing, auf dem „Nächste Woche geht eine Bombe hoch“, oder so ähnlich, stand. Die Polizei suchte eine Woche lang vergeblich nach der Bombe, fand aber nichts. Aber es explodierte auch nirgendwo etwas, nicht einmal ein Silvesterkracher geschweige denn eine Bombe.“ Mangold holte seinen Schlüsselbund aus der Tasche. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen wollt, ich muss die Eingangstüren zuschließen. Also dann Gute Nacht!“ Mangold verschwand in Richtung des Hauptgebäudes. Tim überlegte. „An was denkst Du gerade, Tim?“, fragte Martin. „Ich frage mich, ob Mangold uns wirklich alles erzählt hat. Ich glaube irgendetwas verheimlichst er uns. Ich denke, es ist das Beste, wir von TKKG gehen morgen mal zum Kommissar und schauen uns die Akten von damals an. Martin, bring Du Doch bitte mal in Erfahrung, wann bei King Besuchszeit ist. Ich würde ihm gerne einige Fragen stellen!“ „Geht in Ordnung, Tim. Dann bis morgen!“ Martin verabschiedete sich und ging schlafen. Auch Tim und Klößchen zogen sich ins Adlernest zurück.
8. Eine unglaubliche Wendung
„Also Willi, das gibt’s noch nicht!“ Tim stürmte wutentbrannt in den Speisesaal und schwenkte
die Morgenausgabe des „Millionenstädter Anzeiger“. Klößchen wunderte sich darüber,
denn normalerweise las sein Häuptling nie eine Zeitung. Für News (Neuigkeiten) war
schließlich Karl zuständig. Doch nun blickte er verärgert auf die Titelseite. „Hier Willi,
lies mal!“ Klößchen las laut vor: „Stadtbekannter Ex-Rocker aus dem Gefängnis entlassen!
Der ehemalige Rocker King Seibold, der in der städtischen Jugendstrafvollzugsanstalt eine
Haftstrafe wegen Autodiebstahls, Sachbeschädigung und Nötigung verbüßte, wurde heute morgen auf
Bewährung entlassen. Gründe für die vorzeitige Entlassung seien laut Gefängnisdirektor Manfred
Milde gute Führung und die Reue, die Seibold zeigte. So habe sich Seibold persönlich bei seinem
damaligen Opfer, der Lehrerin Frau Müller-Borello, für seine Missetaten entschuldigt. Außerdem,
so Milde, habe Seibold im Rahmen des Projektes „Knastis helfen Kaulquappen“ vorbildliche soziale
Arbeit geleistet. Milde wörtlich: „Wir freuen uns, dass wir einen jungen Menschen wieder auf den
rechten Weg bringen konnten. Mögen noch viele seinem Beispiel folgen!“ „So eine Frechheit“,
fand Tim, „und von meinem Rennrad, das King sich damals widerrechtlich angeeignet hat, steht da
überhaupt nichts! Und das mit den Kaulquappen glauben die Zeitungsfritzen doch wohl selbst nicht!
Da müssen wir was unternehmen, Willi! Aber jetzt kriegst Du erst mal Deine Käsebrote und Deinen
Kakao. Versprochen ist versprochen!“ Klößchen strahlte. „Super, Häuptling! Ich habe schon einen
Bärenhunger!“ Tim stand auf und kam kurze Zeit später mit einem großen Teller Käsebrote und zwei großen Bechern Kakao zurück. „Hier, Willi! Lang nur ordentlich zu!“ Gierig streckte Klößchen seine Finger nach den Broten aus und biss hinein, dass es krachte. Doch plötzlich hielt er inne. „Hm, schmeckt irgendwie ein wenig fad“ Tim probierte ebenfalls ein Brot. „Ich finde, es schmeckt sehr gut. Und das Beste ist, der Käse hat gerade mal 0,3% Fett“ Klößchen riss die Augen auf. „Nur 0,3%? Na, dann ist es ja kein Wunder, dass mir das Brot nicht schmeckt!“ Er deutete auf den Kakao. „Der hat wohl auch nur 0,3% Kakao, wie?“ Klößchen schnappte sich seine Tasse, stand auf und schüttete den Inhalt in den nächstbesten Ausguss. Als er zurück kam, hatte Tim seine Tasse bereits leer getrunken. „Also das hättest Du Dir sparen können, Willi“, bemerkte er. „Hä? Wieso denn das?“ Sein dicker Freund verstand nichts. „Der Kakao war völlig in Ordnung, Willi. Ein Tasse kräftiger Kakao ist gesund und stärkt das Nervensystem!“ „Du meinst...“ Tim nickte. Klößchen wurde rot im Gesicht. „Na gut, dann hole ich mir jetzt eine neue Tasse“ „Ja, aber beeil Dich bitte. Wir wollen doch nicht zu spät in den Unterricht kommen!“ Tim war wie immer pflichtbewusst.
In der großen Pause trafen sich die vier Freunde unter einer großen Eiche im hinteren Teil des Pausenhofes. Auch Karl und Gaby hatten bereits die Zeitung gelesen. Über das Projekt „Knastis helfen Kaulquappen“ konnte Gaby einiges berichten, da sie Mitglied im Tierschutz Verein war. „Bei diesem Projekt geht es darum, dass Häftlinge kleine Kaulquappen, die sich im Teich verirrt haben, wieder auf den rechten Weg bringen. Angeblich hat King bereits Hunderte Kaulquappen davor bewahrt, sich in Algen zu verfangen oder von ihren Feinden gefressen zu werden. Das verdient durchaus Anerkennung!“ Tim verzog das Gesicht und im nächsten Moment brach es aus ihm heraus: „Anerkennung?! Das einzige, was King interessiert ist, wie er möglichst schnell wieder unschuldige Mitbürger terrorisieren und krumme Dinger drehen kann! Da kamen ihm die Kaulquappen gerade recht! Das sind auch die einzigen, die noch weniger Grips haben als er! Ich werde...“ „Ähm, Tim“, mischte sich Karl ein, „kann es zufällig sein, dass Du aufgrund Deiner persönlichen Abneigung gegenüber King nicht erkennen willst, dass er sich geändert haben könnte?“ Doch im nächsten Moment lenkte Karl wieder ein. „Nein, das kann ich mir doch nicht vorstellen!“ Tim sah seine Freunde entschlossen an. „Ich werde mir King vornehmen, und zwar jetzt gleich! Ich glaube nämlich, dass er als erstes versuchen wird, mit seinen ehemaligen Komplizen Bettger und Drechsel Kontakt aufzunehmen. Das heißt, er müsste sich hier eigentlich irgendwo herum treiben. Ah, da drüben ist der Ulrich, das passt gerade gut!“ Tim rannte los. „Oh je“, seufzte Gaby, „ich glaube, jetzt dreht mein Schatz völlig durch“. Von weitem hörten sie Tim brüllen. „He Ulrich! Wo ist King?“ ... „Wie, das weißt Du nicht?“ ... „Ja, schaff ihn sofort ins Lehrerzimmer, ich warte dort!“ ... „Was soll das heißen, warum?“ ... „Das geht Dich gar nichts an! Los, Beeilung!“ In diesem Moment läutete die Pausenglocke. Die Drei begaben sich zurück in den Unterricht, doch ihnen schwante nicht Gutes.
9. Die Zeiten ändern sich
Direktor Dr. Freund ließ seine Augen durch sein Büro schweifen und stieß einen tiefen Seufzer aus. Es waren wahrlich keine einfachen Zeiten für ihn und die Internatsschule. Nicht nur, dass ein unbekannter Bombenleger sein Unwesen trieb und die Bombe immer noch nicht gefunden wurde. Jetzt musste er sich zusätzlich noch mit einem für die Internatsschule äußert pikanten Fall beschäftigen. King Seibold saß Dr. Freund gegenüber und sah den Direktor vorwurfsvoll an. Die beiden kannten sich schon länger, denn King hatte immerhin ein Oberschuljahr auf der Internatsschule verbracht, bevor er wegen zu schlechter Noten geflogen war. Danach war er auf die schiefe Bahn geraten, auch wie Dr. Freund glaubte durch den schlechten Einfluss seines Vaters. Doch nun sah Freund vor sich einen sichtlich veränderten King. Er trug keine Rockerklamotten mehr, sondern eine saubere Flanellhose, das passende Hemd dazu und seine weißen, frisch geputzten Turnschuhe. Kings Haar war kurz geschnitten und gepflegt. Nur eines störte sein positives äußeres Erscheinungsbild und das zwar die große, kreisrunde Platzwunde über dem linken Auge, welche die Schulschwester kurz zuvor mit sechs Stichen genäht hatte. Sie hatte wirklich gute Arbeit geleistet, doch das Jod brannte immer noch auf der Wunde und überhaupt taten King alle Knochen weh.
"Tut es sehr weh?", fragte Dr. Freund. King stöhnte auf. "Nur wenn ich lache, Herr Doktor. Allerdings ist mir ehrlich gesagt nicht danach zumute.!" Dr. Freund legte sein Gesicht in Falten. "Tja vielleicht ist Tim wirklich diesmal etwas zu weit gegangen!" King sah den Direktor an, als habe dieser ihm gerade offenbart, dass er zurück in den Knast müsse. "Etwas übertrieben? Hören Sie, dieser Psycho hat mich ins Lehrerzimmer gelockt..." "Na ja, daran ist ja noch nichts..." "...und mich dann hinterrücks mit einer Blumenvase niedergeschlagen! Ich kann froh sein, dass ich nicht auch noch eine Gehirnerschütterung erlitten habe! Au, tut das weh!" Seibold hielt sich den Kopf. Dr. Freund blickte ihn fragend an. "Ich muss Sie aber trotzdem fragen, was Sie in unserer Schule zu suchen hatten, Herr Seibold", sagte er. Sein Gegenüber winkte ab. "Nennen Sie mich King, Herr Doktor. Jeder nennt mich so, sogar mein Vater. Was ihre Frage angeht, ich wollte einfach nur ein paar alte Bekannte besuchen. Wenn man so lange im Knast gesessen hat wie ich hat man schnell das Bedürfnis, wieder normale Menschen zu sehen. Ist das etwa ein Verbrechen?" Der Direktor schüttelte den Kopf. "Nein, sicher nicht. Aber Sie haben sich sagen wir mal einen etwas ungünstigen Zeitpunkt für ihren Besuch ausgesucht" King nickte. "Ja, ich weiß, diese Bombendrohung. Schlimme Sache. Leider kann ich in diesem Fall nichts zur Aufklärung beitragen, das habe ich auch Kommissar Glockner gesagt. Aber ich werde die Augen offen halten" "Das wäre nett, King. Und wenn Sie Arbeit suchen, ich bin sicher, unser Hausmeister könnte Hilfe brauchen" King überlegte kurz. "Danke, Herr Doktor, aber ich werde noch einige Zeit mit meinen Kaulquappen zu tun haben. Aber vielleicht komme ich auf ihr Angebot zurück" Dr. Freund stand auf und gab ihm die Hand "Hat mich sehr gefreut, King! Alles Gute für die Zukunft! Und mit Tim werde ich ein Wörtchen reden, versprochen!" "Vielen Dank, Herr Doktor! Bis bald!"
King erhob sich und verließ das Büro. Von ihrem Klassenzimmerfenster aus sahen Karl, Klößchen und Gaby wie er in Richtung Bushaltestelle ging und schließlich in einem Bus davon brauste. Tim war immer noch nicht zum Unterricht erschienen. Er hatte beim Schlag mit der Blumenvase einen Kratzer an der rechten Hand abgekommen, die erst einmal im Krankenhaus geröntgt werden musste. Denn bekanntlich ist mit so etwas nicht zu spaßen. Doch seine Freunde waren überzeugt, dass ihr Häuptling die Prozedur heil überstehen würde. Schließlich hatte Tim Nerven wie Drahtseile, auch wenn sie ihm im Lehrerzimmer wieder einmal durchgegangen waren. "Vielleicht steigert sich Tim da in etwas rein", überlegte Karl, "vielleicht ist King wirklich nicht unser Mann. Andererseits, Tim irrt sich nie. Oder doch?" Während der Computer noch überlegte, läutete die Glocke und alle Schüler sprangen auf, denn für heute war der Unterricht zuende. Karl, Klößchen und Gaby machten aus, sich am Nachmittag in der Vierstein Villa zu treffen. Klößchen ging danach gleich zu Direktor Dr. Freund, um sich nach Tims Zustand zu erkundigen. Und dieser hatte gute Nachrichten. Exakt eine Minute vorher hatte ihn Tim vom Krankenhaus aus angerufen und mitgeteilt, dass er bereits wieder auf den Beinen und auf dem Weg ins Internat sei. Das freute Klößchen sehr. Er begab sich zurück in ihre Bude und stopfte sich schnell noch einen Schokoriegel in den Mund. Man konnte nie wissen, wann Tim wieder mit seinem Dät-Fimmel anfangen würde.
10. Wieder nichts
Am Nachmittag waren alle TKKG-Mitglieder mit Ausnahme von Tim in Karls Zimmer versammelt. Oskar, Gabys schwarz-weißer Cockerspaniel, lag unter Karls Schreibtisch und nagte zufrieden an einem Büffellederknochen, den ihm Klößchen mitgebracht hatte. Interessiert sah er Oskar zu. "Ich frage mich, ob es Oskar irgendwann einmal schaffen wird, den Knochen wirklich zu zerbeißen. Ich habe das mal mit einem Riegel Blockschokolade versucht, den ich zuvor zwei Wochen lang ins Eisfach gepackt hatte. Da..." Klößchens Vortag wurde schier unterbrochen, denn in diesem Moment betrat Tim den Raum. Oskar sprang auf, wedelte mit dem Schwanz und sprang an ihm hoch. "Ist ja gut, Oskar! Na komm, geh wieder runter, sei schön brav!" Nach einigen Streicheleinheiten verzog sich Oskar wieder zurück unter den Schreibtisch. Tim ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. "Oh Mann, was für ein Tag!", stöhnte er. "Was sollen wir nun tun, Häuptling?", fragte ihn Karl. Tim sah seine Freunde mit versteinerter Miene an. "Auf jeden Fall können wir King als Verdächtigen jetzt endgültig streichen! Oh Mann, so ein Mist!" Mit einem Mal wirkte der TKKG Häuptling noch niedergeschlagener als vorher. "Aber warum denn, mein Held?", fragte Gaby. Tim erklärte es seinen Freunden. "Also, ich war vorhin noch auf dem Präsidium beim Kommissar. Der hat mir die Überwachungsvideos aus Kings Zelle und von seinen Freigängen im Rahmen des "Knastis helfen Kaulquappen" Projektes vorgespielt. Er hatte nicht auch nur eine Sekunde lang Zugang zu einem PC und hat mit niemandem gesprochen, der annähernd verdächtig aussieht. Wir haben die Bänder von zwei Sachverständigen auf Manipulationen prüfen lassen, aber nichts! Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, Freunde, aber: Ich habe mich geirrt!" In diesem Moment plumpste Klößchen von seinem Stuhl, es hatte ihn einfach eiskalt erwicht! Tim, sein Freund und heimliches Idol hatte sich GEIRRT! Das war ja kaum zu glauben! Gaby fühlte ihrem Tim die Stirn. "Vielleicht hat Dich der Kratzer doch etwas zur sehr mitgenommen. Bist Du wirklich sicher, dass Du nicht phantasierst?" Tim schüttelte den Kopf. "Nein, Pfote, leider bin ich mir absolut sicher" "Ich habe eine Idee", mischte sich Klößchen ungefragt ein, "könnte King nicht am Kaulquappen Teich einen
Laptop (tragbarer Computer) oder einen Blackberry (mobiles Multifunktionsgerät für Telephonie und Internet) benutzt haben, um ins Internet zu gelangen und seine Bombendrohung zu verfassen?" Karl stöhnte auf. "Willi, dort draußen am Teich gibt es doch gar keinen Access Point (Zugangspunkt) und er wird wohl kaum ein Modemkabel bis zur nächsten Telefondose gelegt haben. Außerdem hätte man das doch auf den Videos gesehen" Tim stimmte ihm zu. "Völlig richtig, Karl. Tja, so wie es aussieht, dürfen wir wohl noch mal von vorne anfangen. Aber keine Angst, irgendeinen Verdächtigen finden wir schon. Der Pfleger vorhin im Krankenhaus kam mir zum Beispiel sehr verdächtig vor, der sprach mit russischen Akzent. Vielleicht steckt die Russenmafia hinter der Bombendrohung, das würde mich gar nicht wundern!" Tim dachte nach. "Wenn wir doch endlich diese verflixte Bombe finden würden! Da fällt mir ein, morgen ist doch der 7. Mai. Die Zeit wird also langsam knapp!" Er stand auf. "Karl, gib mir mal Dein Handy! Ich rufe jetzt Martin Seibold an, er soll die gesamte 9a und auch die 9b zusammentrommeln. Wir werden das komplette Schulgelände noch einmal absuchen und wenn wir jeden Stein einzeln umdrehen müssen! Los, kommt!"
*
Leider war auch die zweite Suche nicht von Erfolg gekrönt. Am Abend saßen die vier TKKG Freunde erschöpft zusammen mit Martin Seibold auf der Treppe vor dem Haupteingang der Internatsschule. Allen tat jeder einzelne Knochen weh. Zuvor hatte es noch Stress mit Carlo Tränert aus der 9b gegeben, der ernsthaft den Sinn der ganzen Aktion bezweifelt hatte. Nachdem Tim ihm allerdings ein wenig zurecht gestutzt hatte, war auch Carlo der Meinung gewesen, dass es zumindest einen Versuch wert gewesen sei. Schließlich erhob sich Tim. "Freunde, es war ein langer Tag und wir haben alles getan was in unserer Macht stand. Ich werde jetzt den Kommissar benachrichtigen, er wird dann alle notwendigen Maßnahmen einleiten" "Was glaubst Du hat Kommissar Glockner jetzt vor?", fragte Martin. "Nun, ich denke, er wird die vollständige Evakuierung der Schule beschließen", war sich Tim sicher. "Am besten wir gehen schon mal packen. Karl, bringst Du bitte Gaby nach Hause?" "Wird gemacht, Häuptling!" Gaby nahm ihren Tim in den Arm und drückte ihn fest. "Pass auf Dich auf, mein Schatz und komm heil wieder zurück!" Tim gab ihr einen Abschiedsbussi. "Keine Sorge, meine Prinzessin, ich bin schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden!" Tim, Klößchen und Martin begaben sich in ihre Buden um das Nötigste einzupacken. Klößchen wollte unbedingt auch seinen Schokoladenvorrat aus dem Panzerschrank holen, doch nachdem Tim ihn davon überzeugen konnte, dass selbst eine Bombe dem Panzerschrank nichts anhaben konnte, besann sich seiner dicker Freund schließlich doch noch eines Besseren. Nachdem die beiden alles eingepackt hatten, klemmte sich Tim in der Besenkammer ans Telefon und rief den Kommissar an.
11. Die Evakuierung
Zwei Stunden später war die gesamte Internatsschule unter der Leitung von Kommissar Glockner und Tim evakuiert worden. Tim hatte dabei dem Kommissar einige hilfreiche Tipps gegeben, so dass alles reibungslos ablief. Das Gelände war weiträumig abgesperrt, Dutzende von Polizeihubschraubern und Einsatzwagen waren im Einsatz. Ihre Sirenen machten einen Höllenlärm, fast hätte man meinen können, es wäre irgendwo eine Bombe versteckt. Für die Nacht hatten Glockners Beamte auf einer nahegelegenen Wiese Zelte aufgestellt. Tim und Klößchen teilten sich ein Zelt mit Martin Seibold und Carlo Tränert. Klößchen meinte, dass ihm das Zelten eigentlich viel Spaß mache. Tim stimmte ihm zu. Das war zumindest mal etwas Anderes. Trotzdem beunruhigte den TKKG-Häuptling die Tatsache, dass bereits in wenigen Stunden eine Bombe die komplette Internatsschule in die Luft sprengen könnte, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wirklich hilflos. Tim ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie beobachtet wurden. Auf einem grasbewachsenen Hügel am anderen Ende der Wiese stand ein Mann mit einem Fernglas. Tim bemerkte ihn erst als er Klößchen verfolgte, der mit einem Schokoriegel in der Hand in Richtung des Hügels türmen wollte. Vorsichtig schlich sich Tim an den Hügel heran. Gerade ließ der Typ seinen Feldstecher sinken. Jetzt oder nie! Mit einem lauten Kampfschrei stürzte sich Tim auf ihn, verpasste dem Typen zwei Tritte in die Magengrube und noch einen Schlag aufs Knie. Der Typ geriet ins Taumeln und wurde von Tim am Kragen gepackt. Angsterfüllt starrte der Mann in Tims Gesicht. "Oh Nein", schrie er, "Tim, der Psycho! Hilfe, Hilfe!" "Wen nennst Du hier einen Psycho", erwiderte Tim erbost, jetzt kommst Du erst mal mit, mein Freund! Los, vorwärts!" Er stieß seinen Gefangenen vor sich her, der fortwährend jammerte, und erreichte schließlich wieder den Zeltplatz. Kommissar Glockner staunte nicht schlecht als er sah was Tim da mitgebracht hatte. Einer der Beamten legte dem Mann Handschellen an. Derweil durchsuchte Tim dessen Taschen. Das war zwar eigentlich Aufgabe der Polizei, doch die Beamten hätten so oder so wieder irgendetwas übersehen, da war er sich sicher. Er fand einen Ausweis. Demnach hieß der Mann Paul Pätzing, war 53 Jahre alt und wohnhaft in einem der kleinen Dörfer, die rund um die Millionenstadt verstreut lagen. Außerdem bemerkte Tim, dass das Passbild in der Breite exakt 0,5mm zu klein war. Offenbar hatten sie es hier mit einem besonders gerissenen Gangster zu tun. Er ging forsch auf Pätzing zu. "Also, Herr Pätzing, dann erzählen Sie uns doch mal was Sie hier zu suchen hatten und für wen Sie arbeiten!" Pätzing hatte sich offenbar wieder gefangen. Mit einem merkwürdigen Grinsen starrte er den TKKG Häuptling an. "Ich habe Vögel beobachtet, arbeite für niemanden und bin 14-jährigen Bengels sicher keine Rechenschaft schuldig! Müsstest Du nicht schon längst im Bett sein, Bübchen?" "Wie überaus scharfsinnig von ihnen", spottete Tim, "vielleicht wären Sie mal besser im Bett geblieben, Verehrtester, dann wären Sie jetzt nicht in Schwierigkeiten! Lassen Sie ihn abführen, Herr Glockner!" Pätzing lachte laut auf. "Glaubst Du im Ernst, der Herr Kommissar lässt sich von einem Jugendlichen Befehle erteilen?" "Abführen!", hörte man da Glockner sagen. Pätzing riss die Augen auf und war fassungslos. Doch er leistete keinen Widerstand. Tim nahm Glockner zur Seite. "Was ich Sie noch fragen wollte, Herr Glockner, haben Sie eigentlich etwas über diese Bombendrohung von vor 10 Jahren herausfinden können?" "Leider nicht viel Tim", antwortete Glockner, "die Sache hat sich wohl in Etwa so abgespielt: "Wie Mangold Euch ja schon erzählt hat hing eines Tages an der Lehrerzimmertür ein Zettel, auf dem stand: Am 7.Mai geht hier eine Bombe hoch!" "Sagten Sie, am 7. Mai?!" Tim war wie elektrisiert. "Ja, das stand dort. Aber was..." "Ja, begreifen Sie denn nicht, Herr Glockner? Ach so, ich vergaß, ich bin ja viel schlauer als Sie. Der 7. Mai! Das ist exakt der Tag, an dem auch die zweite Bombe hoch gehen soll!" Glockner war verdutzt. Das war ihm tatsächlich entgangen. "Auf jeden Fall hat die Polizei auch damals die gesamte Internatsschule evakuiert", fuhr er fort, "doch es ist überhaupt nichts passiert. Es wurde auch nirgendwo Sprengstoff gefunden" "Herr Glockner, blasen Sie die Evakuierung ab!", hörte der Kommissar da Tim sagen. "Was? Wieso? Weshalb?" Glockner wirkte überrascht und ratlos zugleich, was oft vorkam wenn er mit TKKG zusammen war. "Weil wir so den Täter schnappen können!", erklärte Tim. "Ich wette, es handelt sich um denselben, der bereits vor 10 Jahren die erste Drohung verfasst hat. Aber diesmal werden wir sein Spiel nicht mitspielen. Wir werden so tun, als würden wir seiner Drohung nicht die geringste Beachtung schenken. Das müsste ihn aus seiner Deckung locken!" Glockner überlegte. Ganz wohl war ihm nicht bei der Sache, doch andererseits hatte Tim viel mehr Erfahrung in Sachen Verbrechensbekämpfung als er. Der Kommissar schnappte sich sein Funkgerät und blies zum allgemeinen Rückzug. Und im Nu war die Wiese wie leergefegt. Schüler wie Lehrer begaben sich zurück in ihre Buden und fielen todmüde in ihre Betten. Nur Tim lag noch lange wach. "Hoffentlich haben wir auch die richtige Entscheidung getroffen", dachte er bei sich, "nicht auszudenken wenn..." In diesem Moment schlief er ein.
12. Unverhofft kommt oft
Guido Genzing schloss die Heckklappe des hellblauen VW Busses, der auf dem Parkplatz vor der Sendezentrale des Privatsenders „Millionenstadt TV“ parkte und ging in Gedanken noch ein letztes Mail die Ausrüstung durch, ob wirklich nichts fehlte. Mikrofone, Tonbandgeräte, Kabel, nein, es war alles da. Genzing war 30 Jahre und ein paar Monate alt, trug ausgewaschene Blue Jeans, einen grünen Pullover und hatte vergessen sich am Morgen zu rasieren. Außerdem tat ihm der Kopf weh. Gestern Abend hatte sein Bruder Bodo seinen Polterabend gefeiert und dabei war nicht nur ordentlich Porzellan zu Bruch gegangen sondern auch die ein oder andere Flasche Wein. Das spürte Genzing jetzt überdeutlich. Heute war wieder einmal so ein Tag, an dem er seinen Job als Reporter einfach hasste. Eigentlich war er für eine Reportage über die weibliche A-Jugend des Millionenstädter Handball Vereins vorgesehen gewesen, doch heute morgen hatte ihm sein Chef offenbart, dass er stattdessen für einen Live Report an der städtischen Internatsschule benötigt werde. Genzing hätte es sich denken können. Wann immer sein Chef irgendwo eine Sensation witterte, mussten sie immer gleich als erste vor Ort sein. Über die Internatsschule hatte Genzing bereits einige wilde und teilweise höchst abenteuerliche Gerüchte gehört. Demzufolge sollten dort Schüler mit Drogen gehandelt und jüngere, hilflose Mitschüler verprügelt haben. Einige Lehrer, so erzählte man sich, waren bereits wegen Kunstraub oder Sockendiebstählen verhaftet, andere von Rockerbanden terrorisiert worden. Und im letzten Sommer wurde einem Neuntklässler angeblich im Lehrerzimmer ein eigenes Fach eingerichtet, nachdem er einige Lehrer überführt hatte, nicht in die Kaffeekasse eingezahlt, aber trotzdem Kaffee getrunken zu haben. Genzing hatte schon damals kein Wort von all dem geglaubt und tat es auch jetzt immer noch nicht. „Wenn da heute wirklich eine Bombe hoch geht, will ich Müller heißen!“, murmelte er bei sich. Wie aufs Stichwort erschien auf einmal Karl-Heinz Müller, den alle Charly nannten, auf der Bildfläche. Charly war Genzings Kameramann, ein fröhlicher, stets braun gebrannter Mittfünfziger, der immer sein braue Stoffkappe trug, selbst wenn es 30 Grad im Schatten waren. Charly klopfte seinem Kollegen auf die Schulter. „Na, Guido, können wir?“, fragte er. Der nickte. „OK, Charly, lass uns fahren. Auch wenn ich glaube, dass wir dort nur unsere Zeit vertrödeln!“ Charly grinste. „Wärst wohl lieber bei den Mädels, was?“ „Du etwa nicht?“ „Ja, aber lass das bloß nicht meine Frau hören!“ Charly lachte laut auf und auch Genzing ließ sich zu einem breiten Grinsen hinreißen. Beide stiegen in ihren VW Bus und brausten los.
Gut eine halbe Stunde später erreichten sie die Internatsschule. Genzing parkte den Wagen am Straßenrand und beide Männer stiegen aus. Verwundert sahen sie sich um. „Warum sind denn nirgendwo Absperrungen?“, wunderte sich Charly, „ich denke hier soll gleich eine Bombe hochgehen?“ „Sag ich ja, alles nur Schwindel!“, fluchte Guido, „da wollte sich bestimmt wieder nur wer wichtig tun! Und außerdem...“ In diesem Moment passierte es. Es gab einen lauten Knall, so luftzerreißend und ohrenbetäubend wie ihn Genzing und Müller noch nie gehört hatten. Man hörte das Klirren von Glas und das Zersplittern von Metall. „Runter, schnell!“, schrie Genzing und beide warfen sich auf den Boden. Dann war plötzlich wieder alles mucksmäuschenstill. Langsam richteten er und sein Kameramann sich wieder auf. Aus Richtung des Hauptgebäudes waren Rauchschwaden zu sehen. „Los, schnell hin! Mach die Kamera klar, Charly!“ Der tat wie ihm geheißen und Genzing schnappte sich das erstbeste Mikrofon. Im Laufschritt rannten die beiden in das Gebäude. „Hier entlang!“ rief Charly und deutete auf einen engen Seitengang, von wo aus die Rauchschwaden offensichtlich kamen. Der Gang führte bis zu einem kleinen Raum, der offenbar mal so etwas wie die Teeküche der Internatsschule gewesen war. Jedenfalls lagen vor der völlig verkohlten Tür Dutzende von zersplitterten Kaffeetassen, überall roch es nach den verschiedensten Tee- und Kaffeesorten gemischt mit üblen Schwefelgeruch. Teile von Kaffeemaschinen lagen in der Gegend verstreut, praktisch der gesamte Boden war mit Milch, Kaffeepulver, Tee und Zucker verklebt. Innen drin sah es auch nicht viel besser aus. Die Fenster waren praktisch nicht mehr vorhanden, Gleiches galt für das Inventar. In einem fast völlig verkohlten und schief hängenden Schrank entdeckten sie die Überreste eines Zeitzünders, offenbar war hier die Bombe versteckt gewesen. „Charly, halt voll drauf!“, wies Genzing seinen Kameramann an. Dann schaltete er sein Mikro ein und huschte ins Bild. „Liebe Zuschauer, hier meldet sich Guido Genzing mit einem Sonderbericht von...“ Weiter kam er nicht. Plötzlich hörte man das Getrampel von wohl tausend Fußsohlen und im nächsten Moment stürmte eine wahre Horde von Menschen die Teeküche. Schüler, Lehrer, Schaulustige, alle drängelten sich in den engen Raum und schrieen wie wild durcheinander. „Was ist passiert?“ „Wo ist meine Lieblingsteekanne?“ „Wieso ist das Fernsehen schon hier?“ „Wer hat das getan?“ „Fällt heute der Unterricht aus?“ Die Leute machten noch mehr Lärm als vorher die Bombe, fand Genzing. Charly tippte ihm auf die Schulter. „Du, Guido, ich glaube da hinten steht der Direktor der Schule, Dr. Freund. Vielleicht solltest Du ihn mal interviewen?“ „Gute Idee, Charly! Na, dann los! Komm mit der Kamera mal hier rüber“ Die beiden zwängten sich durch die Menschenmasse bis sie sich endlich bis zu Direktor Dr. Freund durchgekämpft hatten. Der wollte Genzing erst kein Interview geben, doch als dieser so ganz nebenbei bemerkte, man könne ja auch die Kollegen von der Millionenstädter BILD Zeitung herschicken besann er dann doch eines Besseren. Dr. Freund sprach von einem bedauerlichen Vorfall, der ihn und die gesamte Internatsschule tief erschüttere. Gerade als Genzing ihn fragen wollte, warum denn keine Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden waren, stürmten plötzlich vier Polizeibeamte gefolgt von einem großen, hageren Typen mit schwarzen Locken und dem dazu passenden dunklen Anzug in den Raum. Der Typ schob Genzing und Charly beiseite. „Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen!“, wies er sie in barschem Ton an, „Ihre Fragen können Sie nachher auf der Pressekonferenz stellen! Na los doch, verschwinden Sie!“ Völlig verdutzt taten beide wie ihnen geheißen. Draußen vor dem Gebäude hatte sich bereits eine Schar Fotographen und anderer Fernsehteams versammelt. „Na sieh an, die Kollegen sind auch schon da!“, stellte Charly fest. „Die kommen aber reichlich spät“, meinte Genzing, „die lässt die Polizei bestimmt nicht mehr rein. Der Typ in dem Anzug war bestimmt vom BKA (Bundeskriminalamt)!“ Er und Charly stiegen in ihren VW Bus und fuhren auf dem schnellsten Wege zum Sender. Jetzt galt es erst einmal das wertvolle Filmmaterial sicherzustellen. Nicht auszudenken wenn das diesem BKA-Typen in die Hände fallen würde, der würde bestimmt gleich alles zensieren wollen. Diese Exklusivaufnahmen würden ihn sicher ein ganzes Stück weit die Karriereleiter empor steigen lassen, da war sich Genzing sicher. Der Tag hatte sich für ihn also am Ende doch noch gelohnt.
13. Einfach nur weg
Emil Glockner saß in seinem Büro und wirkte sichtlich niedergeschlagen. Ihm gegenüber saß Knut von Kohlweitler, seines Zeichens Chefermittler des BKA, der ihn mit allerlei unangenehmen Fragen löcherte. Wieder einmal fuhr sich von Kohlweitler durch seine schwarze Lockenpracht und starrte ihn an. „Wie konnte das nur passieren, dass die Bilder von der Explosion an die Öffentlichkeit gelangten?“ Glockner zuckte mit den Schultern. „Aber Sie waren es doch, der diesen Genzing einfach ziehen ließ. Also das lasse ich mir nicht ankreiden!“ Von Kohlweitler war für einen Moment sprachlos. Denn Glockner hatte recht. Doch er fing sich rasch wieder. „Na gut, Glockner, ich gebe zu, das war mein Fehler. Aber erklären Sie mir doch mal, warum es eine geschlagene Stunde gedauert hat bis Sie am Tatort erschienen sind?“ Der Kommissar wurde rot. „Tja, also wissen Sie, das war so: Meine Frau hatte die Schlüssel zu ihrem Feinkostladen verlegt und da musste ich...“ Glockner bemerkte, dass jetzt auch sein Gegenüber im Gesicht rot anlief. „Waaas? Sie haben sich um eine geschlagene Stunde verspätet, bloß weil ihre Alte die Schlüssel zu ihrem... ihrem Tante Emma-Laden verlegt hat?!?“ „Feinkostladen, Herr von Kohlweitler! Außerdem...“ „Und wenn ihre Frau die Besitzern von Harrod’s (Nobelkaufhaus in London) persönlich wäre! Sie haben gefälligst sofort am Tatort zu sein, verstanden?! Und überhaupt: Wie kamen Sie dazu, die Evakuierung der Schule einfach abzublasen?“ Glockner räusperte sich. „Das war Tims Idee. Er meinte, so könne man den Täter aus der Reserve locken“ Von Kohlweitler fuhr herum. „Dieser Tim ist ein Kollege von ihnen?“ Glockner schüttelte den Kopf. „Nein, das ist einer der Internatsschüler. Er und seine Freunde von TKKG haben bereits einige Verbrechen aufgeklärt und da dachte ich...“ Sein Gegenüber schlug sich vor den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Da explodierte mitten in der Millionenstadt eine Bombe und der ermittelnde Beamte ließ offenbar eine Handvoll Jugendliche die Polizeiarbeit erledigen. Aber damit war nun Schluss! Energisch erhob sich der BKA-Ermittler aus seinem Stuhl und stützte sich mit seinen kräftigen Handflächen auf Glockners Schreibtisch. Er sah den Kommissar an als wolle er ihn am liebsten zum Frühstück verspeisen. „Herr Glockner, ich übernehme fortan die Ermittlungen in diesem Fall. Sie sind bis auf weiteres beurlaubt! Verbringen Sie einfach etwas Zeit mit ihrer Familie. Vielleicht können Sie ja ihrer Frau im Laden an der Kasse zur Hand gehen! Das wäre für den Moment alles, Sie können gehen!“ Mit einem tiefen Seufzer erhob sich Glockner aus seinem Stuhl. Traurig stapfte er aus seinem Büro, von dem er nicht wusste ob er es jemals wieder betreten würde. Als er schließlich draußen auf dem Parkplatz in seinen BMW stieg, beschlich ihn ein beklemmendes Gefühl der Hilflosigkeit. Doch seltsamerweise fühlte er sich gleichzeitig auch erleichtert. Sollten sich doch andere an diesem Fall die Zähne ausbeißen. Er hatte genug! Glockner ließ den Motor an und fuhr nach Hause. Dort legte er sich erst einmal für ein paar Stunden hin und rief danach seinen Freund Gustav an. Der war früher im Drogendezernat tätig gewesen, allerdings seit einigen Jahren pensioniert (im Ruhestand). Am Wochenende wollte Gustav zu seiner alljährlichen, mehrwöchigen Südamerika Reise aufbrechen, die quer über den Kontinent ging. Über Gesellschaft freute er sich dabei sicher. Und in der Tat war Gustav vollauf begeistert als ihm der Kommissar vorschlug, ihn diesmal zu begleiten. Margot und Gaby waren es weniger und wollten es ihm sofort wieder ausreden. Doch Emil Glockner ließ sich nicht beirren. Diesmal nicht. Er packte seine Sachen zusammen und fuhr mit einem Taxi raus zu seinem Freund Gustav, der etwas außerhalb der Millionenstadt wohnte. Frau und Tochter sahen dem Taxi hinterher bis es in einer Seitenstraße verschwand. „Hoffentlich weiß Papi was er tut“, sagte Gaby. Ihre Mutter nahm sie in den Arm. „Wir müssen jetzt alle ganz tapfer sein, Gaby. Hörst Du? Papi wird schon wiederkommen. Er braucht jetzt einfach etwas Abstand und Ruhe“
14. Ein Besuch im Internat
Endlich war die Pressekonferenz vorbei. Von Kohlweitler hasste Pressekonferenzen. Aber er war zufrieden. Es war ihm gelungen, die Presse mit den üblichen Floskeln wie „Wir sind sehr zuversichtlich, den oder die Täter bald fassen zu können“ und „Es besteht keine Gefahr mehr für die Bevölkerung“ halbwegs ruhig zu stellen. Nun wollte er zurück in die Internatsschule und mal ein paar Wörtchen mit diesem Tim, dem Anführer der sogenannten TKKG Bande reden. Denn die hatten ihm diesen Schlamassel mit der vorzeitig beendeten Evakuierung schließlich eingebrockt. Außerdem war da noch dieser Paul Pätzing, den die Polizei gestern verhaftet hatte. Ihn wollte er im Anschluss verhören. In seinem Pontiac, der zwar eine Menge Sprit fraß, welchen aber der Steuerzahler bezahlte, erreichte der BKA Ermittler in Rekordzeit die Internatsschule. Vor dem Haupteingang traf er auf Hausmeister Mangold, der dort gerade Laub zusammenfegte. Von Kohlweitler fragte ihn nach Tim. „Ach, Sie meinen Peter Carsten? Ja, der müsste jetzt in der Arbeitsstunde sein. Warten Sie, ich bringe Sie hin“
Tim brütete gerade über seinen Mathematikaufgaben, als von Kohlweitler den Raum betrat. Klößchen schrieb wie immer von ihm ab. Dr. Edwin Rudleweit, Lehrer für Erdkunde und Philosophie in der 9b, der heute die Aufsicht führte, kam zusammen mit von Kohlweitler auf die beiden zu. „Tim, Willi? Entschuldigt bitte, aber dieser Herr hier ist vom BKA“ Erschreckt fuhr Klößchen auf. „Es war wirklich nur ein winziges Stückchen Schokolade, Herr Kommissar! Wirklich, ich schwöre!“ Irritiert sah ihn von Kohlweitler an. „Bist Du Peter Carsten?“, fragte er. „Nein, das bin ich!“, sagte Tim, und wer sind Sie? Von Kohlweitler stellte sich kurz vor und berichtete auch von Glockners Beurlaubung und davon, dass er die Ermittlungen übernommen hatte. Tim war zunächst überrascht, doch wie immer hatte er die Situation sogleich voll im Griff. Er lächelte von Kohlweitler an. „Also Sie führen jetzt die Ermittlungen in diesem Fall?“ „Das ist richtig!“ „Nun, Herr von Kohlweitler, wenn wir von TKKG ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein können...“ „Genau deswegen bin ich hier. Erzähle mir doch bitte was ihr von dem Fall wisst!“ Tim berichtete in kurzen Sätzen was er und seine Freunde herausgefunden hatten und von Kohlweitler war sichtlich beeindruckt. „Gute Arbeit“, lobte er nachdem Tim seinen Bericht beendet hatte, „wirklich sehr gute Arbeit!“ „Vielen Dank, Herr von Kohlweitler. Wir wissen ihr Lob wirklich zu schätzen und würden gerne auch weiterhin...“ „Doch jetzt ist Schluss damit“, unterbrach ihn der Beamte schroff, „ein für allemal! Das BKA übernimmt von nun an den Fall und ihr haltet Euch da schön raus! Ist das klar?“ Tim nickte. „Völlig klar! Sie können sicher sein, dass wir uns in ihre Ermittlungen nicht einmischen werden“ „Genau das wollte ich hören!“ Von Kohlweitler zwang sich zu einem Lächeln. Also dann will ich Euch nicht länger von Euren Hausaufgaben abhalten. Auf Wiedersehen!“ Nachdem von Kohlweitler den Raum verlassen hatte blickte Klößchen seinen Freund und Häuptling fragend an. „Heißt das, wir geben den Fall auf?“ „Natürlich nicht Willi, wie kommst Du denn darauf?“ „Aber Du hast doch eben gesagt...“ Tim stöhnte auf. „Mensch Willi, ich habe gesagt, wir mischen uns in DEREN Ermittlungen nicht ein. Ich habe aber nicht gesagt, dass wir unsere EIGENEN nicht fortsetzen werden! Los, komm! Ich rufe jetzt eben fix Karl und Gaby an, dass wir uns bei ihr treffen. Dann können wir unsere weitere Vorgehensweise besprechen“
15. Vor 10 Jahren
Eine Stunde später saßen alle vier in Gabys Zimmer. Während Tim damit beschäftigt war, seine Freundin zu trösten, die immer noch nicht darüber hinweg gekommen war, dass man ihrem Vater den Fall weggenommen und dieser so mir nichts - dir nichts nach Südamerika abgerauscht war, rätselten Karl und Klößchen wie es weitergehen könnte. "Wenn wir nur wüssten was es mit diesem Paul Pätzing auf sich hat", ärgerte sich Karl, "zu dumm, dass wir den Kommissar nicht fragen können. Dieser von Kohlweitler wird uns bestimmt nichts sagen" "Richtig Karl," stimmte ihm Tim zu, "aber ich nehme an, dass sie Pätzing ohnehin bald wieder laufen lassen müssen. Dann können wir ihn beschatten. Aber vorher werden Willi und ich noch mal mit Mangold reden" "Hä, wieso denn das?", wunderte sich Klößchen. "Willi, Du hast aber auch ein Gedächtnis wie ein Sieb! Erinnerst Du Dich nicht mehr an unsere erste Suchaktion? Als Mangold so rumgedruckst hat als es um die erste Bombendrohung von vor 10 Jahren ging? Ich glaube, er verheimlicht uns etwas. Also werden wir ihn mal ein wenig in die Mangel nehmen!"
*
Derweil war auf dem Polizeipräsidium Knut von Kohlweitler zum wiederholten Male an diesem Tag auf dem Tiefpunkt seiner Laune angekommen. Die Befragung von Pätzing hatte nicht das Geringste ergeben. Der behauptete weiterhin steif und fest, seinerzeit auf dem Hügel lediglich Vögel beobachtet zu haben. Leider lag sonst nichts gegen Pätzing vor und vorbestraft war er auch nicht. Kurz gesagt ein unbeschriebenes Blatt. Und doch hatte Pätzing irgendetwas mit der Sache zu tun, davon war er felsenfest überzeugt. Nur was? Ob Pätzing gestern spät abends zuerst die Bombe in der Teeküche versteckt und sich danach auf den Hügel zurückgezogen hatte? Das würde erklären, warum bei den ganzen vorherigen Suchaktionen nichts gefunden worden war. Ja, die Bombe war sicher erst versteckt worden nachdem Tim die letzte Suche abgeblasen hatte, da war sich von Kohlweitler sicher. Es lag also die Vermutung nahe, dass Pätzing noch mindestens einen Komplizen hatte, der genau gewusst hatte, dass und vor allem wann die letzte Suchaktion beendet worden war. Aber wer? Wer kam ernsthaft als Täter in Frage? Von den Schülern hatte kaum einer der nötige Know-how (Fachwissen), um eine Bombe zu bauen. Der einzige, der dazu vielleicht imstande wäre, war dieser Karl Vierstein, doch der gehörte mit zu TKKG und schied daher als Täter aus. Die Schüler Bettger und Drechsel aus der 9a waren zwar in der Vergangenheit kriminell geworden, jedoch andererseits viel zu dämlich um ein solches Vorhaben zu planen, geschweige denn eine Bombe zu bauen. Ähnliches galt für Martin Seibold und seinen Bruder King. Hinzu kam noch, dass alle Internatslehrer, die Physik oder Chemie unterrichteten, sowohl für den gestrigen Abend als auch für den Zeitpunkt der Explosion ein einwandfreies Alibi hatten. Außerdem waren die meisten Lehrer ohnehin nicht ausreichend mit dem Internet vertraut und somit gar nicht dazu in der Lage, eine Bombendrohung ins Gästebuch zu schreiben. Es war wie verhext. Irgendwer musste doch der Täter sein! Von Kohlweitler dachte an etwas, das sein großes Vorbild Sherlock Holmes einmal gesagt hatte. Wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden, muss das was übrig bleibt zwangsläufig die Lösung sein. Plötzlich schlug er sich vor den Kopf! Natürlich, das musste es sein! "Du kriegst die Tür nicht zu, wie konnte ich nur so blöd sein! Der Schlüssel lag die ganze Zeit vor mir und ich habe ihn nicht gesehen!", dachte sich von Kohlweitler. Er griff zum Telefon und beorderte einige Streifenwagen zum Präsidium. Jetzt galt es schnell zu handeln!
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"Was ist das denn da draußen für ein Lärm?" Tim erhob sich aus seinem Sessel und blickte aus dem Fenster. "Sind Sie da?", fragte eine Männerstimme hinter ihm. "Ja, sieht so aus. Keine Angst, ich werde die Herrschaften in Empfang nehmen. Sekunde!" Tim stand auf und begab sich zur Haustür, als er bereits von draußen Stimmen vernahm. "Aufmachen, Polizei!", hörte er jemanden rufen, dessen Stimme verdächtig nach dieser Nervensäge von Kohlweitler klang. "Immer mit der Ruhe, ich komme ja schon!", rief der TKKG-Häuptling, riss mit einem Ruck die Tür auf und blickte im nächsten Moment in die versteinerte Miene ebenen jenes Knut von Kohlweitlers. "Was machst Du denn hier?", polterte der, "ich habe Euch doch gesagt, ihr sollt Euch nicht weiter in diesen Fall einmischen! Ihr habt schon genug Schaden angerichtet!" "Wir wollen Sie lediglich davon abhalten, eine Dummheit zu begehen, Herr von Kohlweitler", beschwichtigte ihn Tim, "sie und ihre Männer sind nämlich gerade im Begriff, den Falschen zu verhaften. Aber keine Sorge, das ist Kommissar Glockner auch schon oft genug passiert" Klößchen erschien an der Tür. "Wer ist es denn, Tim? Oh, die Polizei!" "Ja, Willi, die Polizei kommt immer genau dann wenn man sie am wenigsten brauchen kann", erkannte Tim. "Genug der Scherze! Wo ist er?" Von Kohlweitler verlor ganz offensichtlich langsam die Geduld. "Ich bin hier!" Ein sichtlich verängstigter Hausmeister Mangold erschien auf der Türschwelle. "Festnehmen!", ordnete von Kohlweitler an. "Halt!", rief da Tim, "dieser Mann hat nichts getan! Außer... aber das erzählen Sie den Herrschaften am besten selbst, Herr Mangold" "Na, da bin ich ja mal gespannt", brummte von Kohlweitler, "aber gehen wir am besten ins Haus" Drinnen begann Mangold dann mit stockender Stimme zu berichten. "Ja, also das war nämlich so: Vor genau 10 Jahren saß ich eines Abends zusammen mit den Hausmeistern der Mädchenschule, der Walldorf Schule und der Polizeischule in unserer Stammkneipe und wir tranken, na ja, so einige Maß Bier. Und da..." "Geht das Ganze nicht ein wenig kürzer?", drängte von Kohlweitler. "Jetzt hören Sie doch erst mal zu!", wies ihn Tim sogleich zurecht. Mangold fuhr fort. "Na ja, also wie ich schon sagte, hatten wir alle etwas viel getrunken. Und da habe ich mit den anderen Hausmeistern gewettet, ich würde es schaffen, dass am nächsten Tag die ganze Stadt nur von unserer Schule spricht. Also habe ich diesen Zettel verfasst und an die Lehrerzimmertür gehängt. Und dann ist die Sache etwas außer Kontrolle geraten..." Von Kohlweitler fasste sich an den Kopf. "Na, großartig! Und warum rücken Sie erst jetzt damit heraus?" "Weil ich Angst hatte, die Polizei könnte mich verdächtigten, die echte Bombe gelegt zu haben! Aber damit habe ich nichts zu tun! Ehrlich, Sie müssen mir glauben!" "Er sagt die Wahrheit", bekräftigte Tim. "Ach, und woher weißt Du das?", fragte von Kohlweitler. "Sehen Sie ihn sich doch mal an, sieht so etwa ein Bombenleger aus? Allein seine Haare sind doch viel zu kurz, Bombenleger haben immer lange Haare!" "Pah, es gibt auch Juwelendiebe, die aussehen, als könnten Sie keinem Kind seinen Lutscher wegnehmen!" Von Kohlweitler schien alles andere als überzeugt zu sein. "Schon richtig", meinte Tim, "aber das Entscheidende ist: Herr Mangold hat überhaupt kein Motiv. Wieso sollte ein so ein netter, liebenswerter Hausmeister, der immer mein Rennrad in den Fahrradkeller stellt, wenn ich es mal versehentlich draußen stehen lasse, eine Bombe hochgehen lassen? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!" "Genau", stimmte Klößchen zu, "das wäre totaler Quatsch!" Von Kohlweitler wurde jetzt sichtlich ungehalten. "Es ist mir völlig egal was ihr denkt! Auf jeden Fall steht Herr Mangold weiterhin unter Verdacht, bis mir irgendjemand das Gegenteil beweisen kann! Und jetzt schleicht Euch!" "Komm, Tim", drängte Klößchen, "ich glaube wir sind hier überflüssig!" "Hast recht, Willi", stimmte Tim zu, "hat ja doch keinen Zweck!" Die beiden verabschiedeten sich von Mangold und begaben sich zurück ins Adlernest.
16. Der Deal
Ein neuer Tag brach an und Tim hatte sichtlich schlechte Laune. Nicht nur, dass dieser aufgeblasene Möchtegern Ermittler immer noch den lieben Hausmeister Mangold für einen Bombenleger hielt. Nein, zu allem Überfluss war nach dem gestrigen Besuch bei Mangold auch noch Schuldirektor Dr. Freund im Adlernest aufgekreuzt und hatte Tim wegen dessen wie Freund es nannte "unnötigen und heimtückischen Angriff" auf King Seibold vor ein paar Tagen im Lehrerzimmer gemaßregelt. Doch es kam noch besser: Dr. Freund hatte allen Ernstes verkündet, King für heute zu einem Vortrag über sein Projekt "Knastis helfen Kaulquappen" in der 9b eingeladen zu haben, quasi als Wiedergutmachung. Obwohl Tim energisch dagegen protestiert hatte, hatte Dr. Freund sich nicht davon abhalten lassen. Daraufhin hatte der TKKG Häuptling kurzerhand Klößchen und sich von der nachmittäglichen Arbeitsstunde abgemeldet, ausgleichende Gerechtigkeit nannte er das. "Unmögliches Verhalten, das weitreichende erzieherische Maßnahmen nach sich ziehen wird", nannte Dr. Freund das, aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an.
Nach der Schule trafen sich die vier Freunde im Pausenhof. "Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag?", wollte Klößchen wissen. "Holt Eure Räder, wir fahren zum Polizeipräsidium!", erläuterte Tim seinen verdutzten Freunden. "Ich habe Herrn von Kohlweitler was vorzuschlagen! Los, kommt!"
Die Kids traten in die Pedale und erreichten nach kurzer Fahrt das Polizeipräsidium, in dem sie früher so manche Stunde mit Kommissar Glockner, ihrem väterlichen Freund, zugebracht hatten. Doch auf seine Hilfe konnten sie so schnell nicht zählen. Denn Glockner hatte gestern Nacht noch seine Frau Margot angerufen und angekündigt, frühestens zu Gabys 15. Geburtstag wieder zu Hause zu sein. Doch bis dahin war es noch eine ganze Weile hin.
In der Eingangshalle des Präsidiums ging Tim zielstrebig in Richtung Aufzug, schließlich kannte er den Weg im Schlaf. Da hörte er hinter sich eine Stimme: "Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen? Zu wem wollen Sie bitte?" Der TKKG Häuptling drehte sich um und sah einen Polizeibeamten auf sich zukommen. "Wir möchten zu Kommissar Glock... ähm... ich meine, zu Herrn von Kohlweitler wollen wir. Sagen Sie ihm doch bitte, Peter Carsten möchte ihn sprechen!" "Gut, Herr Carsten, einen Moment bitte!" Der Beamte verschwand hinter dem Tresen und griff zum Telefon. Sekunden später legte er wieder auf. "Herr von Kohlweitler wird Sie empfangen. Nehmen Sie bitte den Fahrstuhl in den 3. Stock"
Knut von Kohlweitler empfing die TKKG Freunde recht ungnädig. "Was wollt ihr denn schon wieder? Ich habe mich bei unserer letzten Begegnung doch klar ausgedrückt, oder?" "Nun mal halblang, Herr BKA-Ermittler", sagte da Tim, "ich habe Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten! Und Sie werden sich den anhören, klar?" Für einen Moment verlor von Kohlweitler seine Sprache, fand sie jedoch schnell wieder. "Und was für ein Vorschlag wäre das?" Tim ging forsch auf ihn zu. "Folgendes: Ich schlage vor, wir liefern Ihnen den Beweis, dass Paul Pätzing den Anschlag verübt hat! Und den Namen seines Komplizen kriegen Sie gratis dazu! Dann können Sie beide verhaften und die Lorbeeren einstreichen. Wir von TKKG bleiben dabei völlig im Hintergrund, versprochen! Aber nur unter einer Bedingung!" "Und die wäre?" "Sie heben die Beurlaubung von Kommissar Glockner auf und bezichtigen außerdem nicht weiter Herrn Mangold der Täterschaft!" "OK, abgemacht! Dann lass mal hören: Wer ist denn nun Pätzings Komplize" Tim legte sein Gesicht in tiefe Denkfalten. "Ich muss zugeben, ich hatte eine ganze Zeit lang unseren Mitschüler Ulrich Kanteranke im Verdacht. Schließlich verehrt er King abgöttisch und hat in seinem Tagebuch zugegeben, dass er sich heimlich wünscht, so wie er zu sein" "Moment mal", warf von Kohlweitler ein, "woher hast Du... ach, ist ja auch egal. Fahre bitte fort!" "Nun, dem wahren Täter kam ich erst auf die Spur, als ich mir gestern nacht noch einmal die Fernsehaufnahmen von der Explosion angesehen habe..." "Mach's nicht so spannend", drängelte Gaby, "wer ist es?" "Es ist... GUIDO GENZING!" Von Kohlweitler blieb das Wort im Munde stecken. Karl und Klößchen sahen sich halb überrascht, halb entsetzt an. Oskar fing unter dem Tisch an zu knurren und Gaby pustete gegen ihren Pony. Der BKA-Ermittler fing sich als erster wieder. "Guido Genzing, der Reporter? Aber wieso..." "Ich möchte Ihnen etwas zeigen", unterbrach ihn der TKKG Häuptling. Er holte aus der Tasche seiner Jeansjacke eine Video CD und legte sie ungefragt in von Kohlweitlers Laptop. Zunächst gab es eine "Allgemeine Schutzverletzung" (häufigster Fehler in von der Firma Microsoft vertriebenen Betriebssystemen), doch nachdem Karl eine Handvoll Treiber nachinstalliert hatte, funktionierte es halbwegs. Auf dem Bildschirm sah man wie Guido Genzing und sein Kameramann Charly Müller in die Teeküche stürmten. "Hier, Herr von Kohlweitler, sehen sie mal! Das sind die Bilder, die man auch im Fernsehen sah. Herr Müller, Genzings Kameramann, hat sie mir Dankenswerterweise überlassen. Sehen sie sich Genzing bitte genau an." "OK, und jetzt?" "Karl, spul etwas weiter vor... Ja, so ist gut!" "Nun sah man wie Genzing und Müller den Raum, der jetzt voller Leute war, wieder verließen" "Stimmt", meinte von Kohlweitler, "ich erinnere mich, dass ich die beiden gebeten hatte, zu gehen". "Karl, halt die Aufnahme an!", forderte Tim seinen Freund auf. "Fällt ihnen etwas auf, Herr von Kohlweitler?" "Offen gestanden, nein, ich sehe nichts Besonderes!" "Karl, kannst Du etwas näher ran zoomen?" "Klar, Häuptling!" "Sehen sie jetzt was?", fragte Tim. Angestrengt starrte von Kohlweitler auf das Bild. "Also ehrlich gesagt... Moment! Da, in seiner rechten Manteltasche, da..." "Volltreffer!", rief Tim. "Karl, bitte noch mal vergrößern!" Jetzt sahen es Klößchen und Gaby auch. "Da guckt etwas auf seiner Tasche heraus!", rief Gaby. "Richtig, Pfote!", lobte Tim, "Du hast es genau erfasst! Das ist der Zeitzünder von der Bombe! Genzing hat ihn mitgehen lassen. Und welchen Grund hätte er wohl, wenn nicht entweder er selbst oder sein Komplize Pätzing der Bombenleger wäre? Wobei ich mir sicher bin, dass Pätzing die Bombe gelegt hat!"
"Warum Pätzing?", frage Karl, "könnte es Genzing nicht auch selbst gewesen sein?" Tim schüttelte den Kopf. "Unwahrscheinlich, Karl. Genzing ist doch Reporter und somit fast den ganzen Tag auf Achse. Seinem Kameramann und sicher auch seinem Chef wäre es sicher aufgefallen, wenn er sich plötzlich aus dem Staub gemacht hätte! Nein, ich glaube, Genzing hat die Bombendrohung auf unserer Internet Seite verfasst. Dann hat er Pätzing angeheuert, der die Bombe gebaut und in der Teeküche versteckt hat. Wir haben Pätzing auf dem Hügel vor der Schule erwischt. Wer weiß wie lange er uns von dort aus schon beobachtet hat, wie wir vergeblich nach der Bombe gesucht haben. Als er sich sicher war, dass wir aufgegeben haben, hat er die Bombe platziert und den Zeitzünder aktiviert. Und Genzing musste nach der Explosion dann nur noch den verräterischen Zünder verschwinden lassen!" "Aber eines verstehe ich an der Sache nicht", mischte sich Klößchen ungefragt an, "wieso wollte Genzing unbedingt den Zünder beiseite schaffen?" Tim war überrascht. Denn das war wirklich eine gute Frage und normalerweise stellte Klößchen nur dumme. Seine Freunde sahen ihren Häuptling fragend an. "Öh, na ja", überlegte der, "also vielleicht hatte Genzing Angst, man könnte am Zünder Pätzings Fingerabdrücke finden oder so. Tja, und am Ende ist ihm seine eigene Vorsichtigkeit zum Verhängnis geworden!" "Jetzt haben wir nur ein Problem", meinte Knut von Kohlweitler, "wir können nichts beweisen. Sicher, ich könnte Genzing und Pätzing festnehmen lassen, doch die würden sicher alles abstreiten" "Ich habe einen Plan", sagte da Tim, "er ist zwar etwas gewagt, aber es könnte klappen! Eilig sprang er auf. "Holen Sie ihren Wagen, Herr von Kohlweitler! Es gibt nur eine Person, die uns jetzt helfen kann! Los, beeilen wir uns!"
17. Finale Furioso
Paul Pätzing hatte gerade sein Mittagessen beendet und wollte sich noch ein Glas Rotwein einschenken, als plötzlich das Telefon läutete. "Nanu, wer kann denn das nur sein?", wunderte sich Pätzing. Mit Guido hatte er Funkstille vereinbart, bis Gras über die Sache gewachsen sein würde. Er zögerte noch einen Moment und nahm dann doch den Hörer ab. "Hier Pätzing, wer spricht dort bitte?" "Herr Pätzing?" "Ja, am Apparat!" "Sie kennen mich nicht", hörte Pätzing eine tiefe Männerstimme am anderen Ende sagen, "mein Name ist Mangold. Ich bin Hausmeister an der Internatsschule" "Ja, und? Wie kann ich ihnen helfen, Herr Mangold?" Für einen Augenblick herrschte absolute Stille in der Leitung. Gerade als Pätzing schon auflegen wollte, hörte er etwas, das ihn erschaudern ließ. "Sie... Sie haben die Bombe gelegt", fuhr Mangold mit eisiger Stimme fort, "Sie sind ein Bombenleger! Ich weiß alles!" "Was wollen Sie?", fragte Pätzing, während er spürte wie ihm die Haare zu Berge standen. "Die Bullen verdächtigen mich, die Bombe gelegt zu haben! Aber ich war es nicht! Sie waren es! Sie ganz allein! Und ich habe Fotos, die das beweisen!" Pätzing stöhnte auf. "Ich frage noch einmal: Was wollen Sie von mir?" "Was ich will?" Ein teuflisches Lachen war jetzt zu hören. "Passen Sie auf Pätzing: Ich werde schweigen, aber dafür müssen Sie bezahlen! Ich dachte da so an 10.000 Euro fürs erste!" Jetzt bekam es Paul Pätzing wirklich mit der Angst zu tun. "10.000 Euro?! Wo soll ich die denn hernehmen?" "Lassen Sie sich was einfallen", hörte er da Mangold sagen, "auf jeden Fall will ich die Asche noch heute! Sie holen jetzt das Geld und fahren dann zu mir. Ich wohne direkt neben der Internatsschule. Den Weg kennen Sie ja! Also bis dann!" Man hörte ein Klicken, Mangold hatte aufgelegt. "Scheiße!", fluchte Pätzing, "was mache ich denn nun? Wenn ich jetzt Guido anrufe und ihm alles erzähle, macht er mich glatt zur Schnecke! Er ist ja auch fein raus, schließlich hat er die Bombe nicht gelegt! Nein, ich glaube, das erledige ich allein!" Pätzing ging zu seinem Waffenschrank neben dem Fernseher und holte sein altes Jagdgewehr heraus, mit dem er früher im Schauerwald weiße Hirsche geschossen hatte. Er lud die Waffe mit Schrot, sprang dann in seinen alten Fiat und fuhr in Richtung der Millionenstadt.
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"Na, wie war ich?" "Große Klasse, Herr Mangold!", lobte Tim, während Mangold den Hörer auf die Gabel legte. "Jetzt brauchen wir nur noch abzuwarten", meinte Knut von Kohlweitler, "meine Leute haben auf jeden Fall das Haus umstellt!" "Gut so!", sagte Tim. "Ich werde mich zur Sicherheit neben der Haustür platzieren, nur für den Fall, dass es ihm doch gelingen sollte, hier einzudringen!" Tim schnappte sich einen Besen und postierte sich damit links neben der Eingangstür. Währenddessen versteckten sich von Kohlweitler und der Rest von TKKG gemeinsam mit Mangold in dessen Wäscheschrank. Lange brauchten sie nicht zu warten. Man hörte wie ein Wagen vorfuhr und schließlich vor dem Haus hielt. "Hmmm", überlegte Karl, "das ist ein Fiat 127, Baujahr 1978, mit 45 PS und 903cm³ Hubraum (Volumen, das bei einem Motor durch den Hub aller Kolben insgesamt verdrängt wird). Außerdem ist an der rechten Seite der Kotflügel eingedellt und in drei Wochen läuft der TÜV ab!" Von der Eingangstür aus warf Tim einen Blick durch den Spion in der Tür. Ha, das war dieser Pätzing! Doch was trug er da in der Hand? Vielleicht einen Geldkoffer? Tim hustete dreimal, das war das Zeichen für Knut von Kohlweitler. Der griff im Wäscheschrank zum Walkie Talkie. "Zugriff!", flüsterte er. Dann ging alles sehr schnell. Plötzlich hörte man draußen mehrere Schüsse und im nächsten Moment das Schlagen von wohl einem Dutzend Autotüren. Motoren heulten auf und im nächsten Moment waren alle Einsatzwagen verschwunden. "Komisch", wunderte sich Tim, "warum fahren die denn weg? Haben sie etwa Paul Pätzing bereits verhaftet ohne uns Bescheid zu geben?" Der TKKG Häuptling riss die Tür auf und blickte im nächsten Moment direkt in den Lauf von Paul Pätzings Schrotflinte. "So, Tim, jetzt wird abgerechnet!", schrie der Gangster. "Moment, Herr Pätzing! Sehen Sie doch, ihr Schnürsenkel ist offen!" "Ha, glaubst Du ich falle darauf rein?" Pätzing hob drohend seine Waffe. Was er nicht sah war, dass sein Schnürsenkel tatsächlich offen war. Blitzschnell trat Tim auf den Schnürsenkel, Pätzing stolperte und verlor das Gleichgewicht. Seine Schrotflinte glitt ihm aus den Händen und flog direkt in den Wäscheschrank, in dem sich die Anderen verschanzt hielten. Es löste sich aber kein Schuss, da das Gewehr scheinbar Ladehemmung hatte. Pätzing rannte zu seinem Wagen, stieg ein und wollte davon fahren. Doch auch der Motor streikte! Im dritten Anlauf gelang es ihm endlich zu starten. Pätzing wollte gerade Gas geben, da sah er etwas durch die Luft direkt auf ihn zu fliegen. Es war Tim, der mit einem Hechtsprung auf der Motorhaube landete, die Scheibe mit einem gezielten Karate Kick eintrat und Pätzing dann am Kragen packte und aus dem Wagen auf die Haube zerrte! Tim packte den Gangster an beiden Beinen und zog ihn in die Höhe. Von weitem sah es so aus, als habe er gerade ein Angelturnier gewonnen und wolle nun der Jury seinen dicken Fisch am Haken präsentieren. Auf jeden Fall gab das Foto vom triumphierenden Tim auf der Motorhaube mit dem kopfüber zappelnden Pätzing an der Hand ein gutes Foto für die Titelseiten ab. Während sich bereits einige Reporter um das Auto scharten und Tim erste Interviews gab, wurde von Kohlweitler von Hauptwachmeister Schnappner angerufen. Der hatte mit seinen Leuten Guido Genzing im Fernsehsender verhaftet und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Offenbar hatte Genzing die Sache von langer Hand geplant. Von Kohlweitler ließ Genzing zum Präsidium bringen, derweil holte er seine eigenen Leute, die zuvor getürmt waren, wieder zurück, damit diese Pätzing in Gewahrsam nehmen konnten. Danach machten auch er und TKKG sich auf den Weg.
Eines blieb weiter unklar und das war das Motiv. Während Pätzing zu Fragen, die ihm die Polizei stellte, entweder schwieg oder sich in Ausflüchte wie "Dieser Carsten hätte auch schon mindestens 100 Mal verhaftet werden müssen!" flüchtete, war Genzing schließlich gesprächsbereiter. "Tja", meinte er, "ich war auch mal Schüler auf dieser so hochgelobten Internatsschule! Doch mein damaliger Deutschlehrer, dieser Dr. Freund, der jetzt da den Direktor spielt, meinte immer, aus mir würde nie etwas werden! Nach meinem Abschluss hatte ich mir geschworen, es irgendwann allen heimzuzahlen!" "Und was war der zweite Grund?", wollte von Kohlweitler wissen. "Könnte ich bitte eine Zigarette haben?", fragte Genzing. "Nun, gut. Hier!" Von Kohlweitler gab Genzing Feuer. Dieser nahm ein paar kräftige Züge, atmete tief durch, um dann fortzufahren. "Wissen Sie, in letzter Zeit lief es mit meiner Karriere nicht mehr so rund. Ich bekam nur noch die kleinen Fische, all diesen langweiligen Kram, den sonst keiner machen wollte. Durch die Exklusivaufnahmen von der Bombenexplosion war ich plötzlich wieder wer. Es wäre alles glatt gelaufen, wenn diese Vier mir nicht in die Quere gekommen wären!"
"Tja", meinte Klößchen, "wir sind eben unschlagbar wenn wir in Topform sind!" "Ach ja, apropos Topform", rief da Tim, "in dem ganzen Trubel habe ich ja Deine Diät völlig vergessen! Morgen gehen wir wieder ins Fitness Studio!" "Nein, bloß das nicht", jammerte Klößchen, "bestimmt sind dort wieder diese Südtiroler!" "Quatsch, Willi, die trauen sich da nicht mehr hin!" Na, und wenn schon", murrte sein dicker Freund, "es könnten ja auch Nord-, Ost- oder Westtiroler sein! Auf jeden Fall gehe ich da nicht mehr hin!" "Keine Widerrede, Willi, ab morgen wird wieder hart trainiert! Schließlich habe ich es Deinen Eltern versprochen! Anschließend machen wir in der Turnhalle etwas Gymnastik und..." "Aaaaaargh!" Klößchen sprang von seinem Stuhl auf und stürzte schreiend aus dem Zimmer. Tim spurtete hinter ihm her. "Ach Gaby", meinte Karl, "ein Glück, dass wir nicht im Internat wohnen!" "Das kannst Du laut sagen!", stimmte sie zu. "Hm, ich denke, Tim wird noch eine ganze Weile damit beschäftigt sein, Klößchen wieder einzufangen. Was hältst Du davon, wenn Du mich in der Zwischenzeit zu einem Mokka einlädst?" "Aber gerne!" Karl strahlte über das ganze Gesicht. Die beiden verabschiedeten sich von Knut von Kohlweitler und verließen das Präsidium. Sie bestiegen ihre Drahtesel und hörten von weitem noch Tim rufen: "Willi, bleib sofort stehen! Und lass den Schokoriegel fallen! Ich meine es ernst!" "Da wollen wir nicht weiter stören", meinte Karl grinsend. Er und Gaby bogen in eine Seitenstraße ab.
18. Epilog
Klößchen blinzelte und rieb sich die Augen. Er lag auf einem langen Tisch, auf den eine große Lampe, die am anderen Ende befestigt war, ein grelles Licht warf. Im nächsten Moment beugte sich ein Mann über ihn, dem Klößchen direkt ins Gesicht sehen konnte. Er hatte diesen Mann noch nie gesehen und doch überkam ihn ein seltsames Gefühl der Vertrautheit. Das freundliche Gesicht, der gräuliche Bart, die Halbglatze... Klößchen hatte die ganze Zeit über das Gefühl, den Fremden zu kennen. "Hallo, Willi!", hörte er ihn sagen, "es ist lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Viel zu lange! All die Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Jetzt kann ich Dir endlich das geben, was Dir die ganze Zeit über gefehlt hat: Ein eigenes, ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das es Dir ermöglicht, Dich gegen alle Erniedrigungen von Tim, Karl, Gaby und den Anderen zu behaupten! Hier, nimm diesen Charakter-Chip und werde stark!". Klößchen sah plötzlich ein kleines, pinzettenartiges Instrument auf sich zukommen. Er wollte schreien... und wachte schweißgebadet in seinem Hochbett im Adlernest auf! Tim stand neben dem Bett. "Hattest Du etwa wieder diesen Albtraum, Willi?" "Ja", keuchte Klößchen, "ich hätte nach dem Training nicht literweise Sauerampfersaft in mich reinkippen sollen. Der bekommt mir nicht!" "Versuch es nächstes Mal mit Kamillentee", riet ihm Tim, "aber jetzt gehen wir am besten wieder schlafen". "Ist gut!", gähnte Klößchen, "Gute Nacht, Tim!" "Gute Nacht, Willi!" Beide schlummerten friedlich ein.
ENDE